Pariser Preziosen

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Text: Jana Herrmann, Foto: Cyrille Weiner

Auch die Haute Joaillerie muss sich mittlerweile immer mehr einfallen lassen, um im Geschäft zu bleiben. Am Pariser Place Vendôme beauftragte ein alteingesessenes Juwelierhaus nun OMA mit dem Komplett-Umbau ihres traditionsreichen Flagshipstores, das seitdem keinerlei innenarchitektonische Gemeinsamkeiten mehr mit seinen Nachbar-Boutiquen hat.

Staub in der Hütte
Das gediegene Interior passte schon länger nicht mehr zu den Schmuckkollektionen, die seit zehn Jahren unter der Leitung der jungen Kreativchefin des Hauses entstehen: Gaia Repossi, deren Großvater das Familienunternehmen 1925 in Italien gründete, steht für modernes, minimalistisches Design und überrascht regelmäßig mit unkonventionellen Materialien, Formen und Motiven. Ihre innovativen Arbeiten werden von der Fashionszene gefeiert. Selbst Karl Lagerfeld gehört zu ihren Anhängern, und für die Designer Joseph Altuzarra und Alexander Wang entwarf sie schon Sondereditionen ihrer Schmuckstücke. Die Pariser Boutique des Edel-Juweliers präsentierte sich bis zu ihrem Umbau dagegen jedoch immer noch im ursprünglichen Stil des Hauses, der von üppigen, präzise geschliffenen Edelsteinen geprägt war.

Um ihrem radikalen Kurswechsel auch architektonischen Ausdruck zu verleihen, wandte sich die 30-jährige Kreativ-Chefin an OMA.

Der Reiz des Neuen
Obwohl das Architektenbüro zu diesem Zeitpunkt schon einige Arbeiten im Retail-Bereich realisiert hat, wie beispielsweise Pradas Epicenter in New York und das KaDeWe in Berlin, war die Haute Joaillerie der Architektengemeinschaft bis dato eine völlig fremde Welt. Aber gleichzeitig auch eine willkommene Begebenheit: „Wir sind immer daran interessiert, unsere Ideen in unbekannte Terrains einzubringen’’, erläutert OMA-Gründermitglied Rem Koolhaas und fügt hinzu: „Obwohl bei diesem Projekt unser Fachgebiet sehr viel mit dem künstlerischen Universum der Auftraggeberin gemeinsam hat: Als ich Gaia vor zwei Jahren das erste Mal traf und sie mir zeigte, wie sie mit Gegensätzen spielt und mit Linien, Mustern und Formen umgeht, schaute ich ihr in die Augen und sagte: Deine Kollektionen sind wie Architektur!’’

Entfernte Verwandte
„Architektur und Schmuck haben mehr gemeinsam als man zunächst denken mag’’, findet auch OMA-Partner Ippolito Pestellini Laparelli, der den Komplettumbau der Pariser Boutique leitete. „Beide befassen sich mit dem menschlichen Körper, dem die Architektur eine Behausung gibt und der vom Schmuck bekleidet wird. Das Zusammenspiel dieser zwei Universen ist erstaunlich natürlich, und es ist kein Zufall, dass Schmuck-Design von immer mehr Experten unserer Branche begleitet wird’’. Ippolito selbst, der bei OMA für Szenographie, Produktdesign und Kuration zuständig ist, machte sich in den letzten Jahren einen Namen durch zahlreiche Zusammenarbeiten mit Prada, einschließlich des Bühnendesign für die Modeschauen der Marke und besondere Events, der künstlerischen Leitung von Videos sowie dem Ausstellungsdesign für Fondazione Prada.

Organisierte Raumskulpturen
Bei der Kooperation mit der italienischen Juweliers-Marke Repossi ging es jedoch um die angemessene, architektonische Inszenierung der Schmuckstücke des Hauses mit seinem neuen, für die Szene völlig unkonventionellen Zeitgeist.

„Die Grundidee des Projektes war, die Marke auf den insgesamt nur 90 Quadratmeter wie auf einer Bühne zu inszenieren und jeder der drei Etagen eine eigene Funktion und Identität zu geben’’, erklärt Ippolito. Dazu teilte er die Etagen in „Straße, Galerie und Salon’’- die „Straße’’ zu ebener Erde für den eiligen Besucher, die „Galerie’’ als Ausstellungsort der gesamten Kollektion auf der oberen und einen intimen Rückzugs- und Verkaufsort auf der unterirdischen Etage.

Als die drei Stockwerke verbindende Raumskulptur kreierte OMA eine spektakuläre Treppenkonstruktion, bestehend aus zwei sich überlappenden, vertikalen Systemen und mit ihrer marmorierten Sprenkelung und ihrem geschwungene Finish im totalitären Kontrast zu den sonst vorherrschenden geometrischen Formen in metallenen Farben stehend.

Reflexionen und Spezialkonstruktionen
Völlig unterschiedlich auch und doch typisch für die Arbeiten von OMA sind die verwendeten Materialien: Aluminium, Bronze, Metall, Glas, Holz und Marmor. In Szene gesetzt werden sie durch Lichteffekte, die zudem in spiegelartigen Konstruktionen reflektiert werden. OMA ließ dafür von der holländischen Designerin Sabine Marcelis Spezialkonstruktionen anfertigen, die vielfältige Reflexionsgrade und Farbnuancen erzeugen, und die 90 Quadratmeter zudem auch viel flächengrößer erscheinen lassen.

Leere durch Bewegung
Auch Bewegung ist ein integraler Bestandteil des Projekts. So wurde beispielsweise eine Wand im Erdgeschoss als eine riesige, rotierende Reklametafel konzipiert. Mit der bei dem italienischen Fabrikanten Goppion in Auftrag gegebene Konstruktion lässt sich zudem ein kleines Raumwunder erzeugen: Bei Bedarf können die mobilen Säulen einfach weggeschoben werden und einen leeren Raum schaffen - und das an einem Ort, an dem die Königsklasse der Juweliere um jeden Quadratmeter kämpft.

Insgesamt erfüllt das Projekt mit Bravour das Hauptanliegen der Auftraggeberin, endlich über einen angemessenen Ausstellungsort für ihre ausgefallenen Schmuckkollektionen zu verfügen. Und spannend wird auf jeden Fall, welches von den so namenhaften Nachbarhäusern als nächstes einen spektakulären Boutique-Umbau ankündigen wird.

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