Playtime in Paris: Die fabelhafte Welt des Antonin

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Text: Tim Berge, Foto: David Boureau und Antonin Ziegler

Das Haus in der Rue Ménil 107 könnte direkt aus einem Jacques-Tati-Film in die Realität transplantiert worden sein: Das Gebäude wirkt wie eine poetische und leicht verträumte Inszenierung von Architektur. Bei genauerer Betrachtung fällt aber auf, dass die scheinbare Zufälligkeit des Gebauten das Ergebnis sorgfältiger Planung und ein vom Gestalter gewünschter Effekt ist.

Die schmale Straße in dem Pariser Vorort scheint noch in der Vergangenheit zu ruhen, während die Welt um sie herum längst in der Gegenwart angekommen ist. Das Gebäude mit der Hausnummer 107, dass der französische Architekt Antonin Ziegler für sich selbst umgebaut hat, unterstreicht diesen Eindruck und fügt ihm durch seine schlaksig-turmartige Gestalt eine utopische Note hinzu. Es ist eine überzeichnete Architektur, die einer Kinderphantasie entsprungen sein könnte.

Geschickte Inszenierung
Als Ziegler das Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert entdeckte, befand es sich in einem ruinösen Zustand. Die beengte Grundstückssituation ließ zudem keine Erweiterung in der Breite oder der Tiefe zu – die einzige Möglichkeit, die Wohnfläche zu vergrößern, bestand darin, das Gebäude in die Höhe zu strecken. Zwei Etagen fügte der Architekt dem Bau hinzu, dessen Geschossfläche gerade einmal 28 Quadratmeter beträgt.

An den Altbau erinnert nicht mehr viel: Einziges Anzeichen einer Vergangenheit ist die Gliederung der Fassade durch verschiedene Materialien. Wellblech, ergraute Schalungsbretter, Zementputz und heller Klinker deuten ähnlich den Jahresringen von Bäumen  unterschiedliche Epochen an und integrieren das Gebäude in seinen verstaubten Kontext. Mit dem äußeren Erscheinungsbild beginnt aber auch Zieglers geschickte Inszenierung des Hauses. Es wirkt wie ein Bühnenhintergrund, in dem alle Details eine exakt zugeordnete Funktion oder atmosphärische Wirkung besitzen.

Pläne
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Kollektiver Gesamtraum
Der Eindruck, dass Ziegler nicht nur als Architekt, sondern auch als Regisseur vorgegangen ist, verstärkt sich auch im Inneren des Hauses. Die Raumvielfalt und überlegten Details sind trotz der geringen Wohnfläche enorm: Für Besucher entsteht der Eindruck, während des Durchschreitens des Gebäudes der Erzählung einer Geschichte beizuwohnen. Jeder Raum ist eine eigene, kleine Welt, die aber nicht verschlossen ist und dadurch zu einer Art kollektivem Gesamtraum beiträgt, der sich durch das Haus zieht und durch unerwartete Aussichten und Perspektiven überrascht.

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