Poesie mit Wellblech

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Text: Julia Bluth
Foto: Sigurgeir Sigurjónsson

Der mit seinen eindrucksvollen Islandaufnahmen berühmt gewordene Fotograf Sigurgeir Sigurjónsson und die vielfach ausgezeichneten Architekten Margrét Hardardóttir und Steve Christer von Studio Granda sind so etwas wie ein isländisches Dream-Team. Als Sigurjónsson die Architekten mit der Erweiterung seines Galerie- und Ateliergebäudes in Reykjavík beauftragte, konnte man also eigentlich nicht viel weniger als gebaute Poesie erwarten.

Schon 2001 hatten Hardardóttir und Christer ein altes Gebäude in der Hverfisgata 71 behutsam nach Sigurjónssons Vorstellungen umgebaut. Nun sollte auch das leer stehende Nachbarhaus, Nummer 71a, zu neuem Leben erweckt werden. Das alte Ladengebäude war jedoch in einem abrissreifen Zustand.

Kleiner Eingriff

Der Anspruch der Architekten lag zunächst darin, ihren Eingriff mit der vorhandenen Baustruktur ebenso nachhaltig wie kompatibel zu gestalten. Weder sollte der Neubau die angrenzenden Gebäude in den Schatten stellen, noch mehr Raum als notwendig in Anspruch nehmen. Dazu kombinierten sie eine neue Innenkonstruktion aus Beton mit einer Fassadenstruktur in Holzbauweise und nutzten schon vorhandene Wände und Flächen, wo immer es ihnen möglich war. Selbst einige Materialien des ehemaligen Ladentrakts konnten die Architekten in ihrem Entwurf wiederverwerten. Das Dach des neuen Galeriegebäudes dient nun außerdem als vom Altbau zugängliche Terrasse. Zur Straßenseite versahen sie den Neubau mit einer der isländischen Bautradition entsprechenden Wellblechverkleidung, so dass er sich unauffällig in die grau verkleidete Häuserreihe einfügt. Einzig ein großes Schaufenster durchbricht die opake Fassade.

Zeichnungen und Modell
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Große Wirkung
Während sich das Gebäude äußerlich in nordischer Zurückhaltung übt, entfaltet es im Inneren eine außergewöhnliche Wirkung. Die unverputzt erhaltene, rohe Betonwand des Nachbargebäudes kontrastiert mit den neuen Betonelementen sowie den strahlend weiß verputzten Wänden. Das Holz der Schaufensterumrahmung harmoniert hingegen mit dem alten Mauerwerk des angrenzenden Altbaus. Vom Eingang erreicht man über eine Treppe die Tiefgarage und die im ersten Stock gelegene Galerie. Ein Fenster in Richtung Hof, das große Schaufenster sowie eine Reihe Dachfenster sorgen hier für viel natürliches Licht. Der Durchbruch zum angrenzenden Arbeitsraum des Fotografen verbindet den Neu- mit dem Altbau und gibt den Blick frei auf holzverkleidete Wände, alte Bodendielen und historische Bauelemente. Es fällt schwer, von dieser überraschenden Mischung aus alt und neu, White Cube und rohem Beton nicht beeindruckt zu sein. Hardardóttir und Christer mögen keine Liebhaber großer Gesten sein, ihr Entwurf ist dennoch spektakulär.

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