Poetisches Raster: Wohnhaus in Australien

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Text: Clara Blasius, Foto: Andrew Power

So leise es auch ist, hebt es sich dennoch von der Umgebung ab. Ein eingeschossiges Einfamilienhaus in der Vorstadt: eigentlich ein Stereotyp, hier aber anspruchsvoll und mutig umgesetzt.

Der Australier Andrew Power betreibt ein eigenes Architekturbüro in Melbourne, aber dies ist sein erstes Projekt auf heimischem Boden. Vorher hat er lange bei Office KGDVS in Belgien gearbeitet, diese Erfahrung sieht man dem Haus an. Schlichtheit und Konsequenz verleihen ihm eine bescheidene, aber kraftvolle Ausstrahlung. Darum geht es Andrew Power, daran glaubt er: durchdachte, genau berechnete Proportionen und Ordnungen. Ein Raster als Basis, dann das freie Umspielen dessen.

Kompakt auf einem erhöhten, offenen Fundament gebaut, besteht das House with a Guestroom aus bloß drei geschlossenen Teilen. Schlafzimmer und Gästezimmer sind gleich groß und an den Seiten positioniert – ohne Gewichtung, sogar bewusst gleichwertig. Das Wohnzimmer liegt dazwischen und ist etwas größer. Dort treffen sich Gast und Gastgeber, um den Raum gemeinsam zu nutzen. Auf dem Weg zurück in die Schlafzimmer passiert der Gast eine Art Innenhof, der Gastgeber einen überdachten Flur. Beide sind mit einem aus Pergola und Veranda bestehenden Vorbau verbunden. Die Trennung der Räume, die tagsüber beziehungsweise nachts genutzt werden, trennt und definiert auch die dazugehörigen Routinen, die den Alltag strukturieren. „Nur in den Lücken, zwischen diesen Routinen, bietet sich die Gelegenheit für einen Überblick“, erklärt Andrew Power. Im House with a Guestroom werden diese Lücken, Pausen, Übergänge durch Zwischenräume verkörpert und die Momente zwischen zwei Handlungen, zwischen zwei sozialen Zuständen hervorgehoben, verzögert – die bemerkt und genutzt werden können, vielleicht um sich an etwas zu erinnern oder um sich neu zu sortieren.

Den Schlafzimmern folgt en suite je ein Badezimmer, die der Architekt fast wie ein separates Projekt geplant hat. Sie sind zwar Teil des Hauses, sollen sich zu ihm aber „wie Bakterien im Darm“ verhalten. Die Funktionen werden hier nicht versteckt, Imperfektionen sogar verstärkt, die Elemente locker vermischt und jedes darf sich so zeigen, wie es ist, und dadurch von dem nächsten unterscheiden. Auch hier gilt: Der Platz dazwischen, der Zwischenraum, ermöglicht dieses Bewusstmachen. Rohre, Ovale, Quadrate, Messing, Chrom, Marmor, Blumen, Bilderrahmen. Formgebung und Farbwahl sind Nebenprodukte eines „letting things be“ und nicht von den Gedanken dahinter gesteuert worden. Andere Elemente hingegen wurden sorgfältig durchgeplant. Die Türen, die Räume und Zwischenräume verbinden, sind miteinander identisch und auf Achsen angeordnet, wodurch sich Sichtlinien durch das Haus ergeben. Trotz dieser Ein- und Ausblicke wird das Gefühl von Privatsphäre durch räumliche Distanz gewährleistet. Die Enfilade ist nicht das einzige klassische Architekturmittel, welches hier zitiert wird: Den Blick Richtung Garten rahmt eine längslaufende, die Außenfassade des Hauses bildende Säulenreihe. „Es ist keine Fassade, die man anschaut, sondern eine, durch die man durchschaut“, erläutert Andrew Power.

Sowohl die Säulen als auch die Türen wiederholen sich über die Fläche des Hauses verteilt. Auf diese Weise werden die voneinander getrennten Räume und verschiedene Stimmungen vereint und zu einem Ganzen verbunden. Ein Ganzes, das schlicht und streng wirkt, mit seinen am Goldenen Schnitt orientierten Maßen und einheitlichen Rhythmen. Bis in die Details wird nichts dem Zufall überlassen. Alles scheint irgendwie arrangiert, fast wie inszeniert, präsentiert. Komplex, aber harmonisch. Wie eine Kulisse oder eine Art verträumtes Puppenhaus.

Aber Spezialanfertigungen gibt es keine, alle Teile sind im Prinzip so verwendet worden, wie sie waren. Vielleicht kommt einem das House with a Guestroom deshalb so bekannt vor, zumindest in den Komponenten, nicht die Komposition. Die Ordnung lässt eben doch Raum für philosophische, ja existenzielle Gedanken und einen Hauch von Poesie. Die Geometrie suggeriert und prophezeit das Bewusstsein, das Leben, die Gastfreundschaft, mit denen die Räume gefüllt werden.


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