Postmoderner Lesetempel

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Text: Sandra Piske
Foto: Dirk Weiblen

Der italienische Designer Alberto Caiola hat ein Faible für visionäre Traumwelten. Dass er dabei auch ungewohnten Kombinationen und offenkundigen Widersprüchen nicht aus dem Weg geht, zeigt die von ihm gestaltete Buchhandlung Harbook in der chinesischen Metropole Hangzhou.

Alberto Caiola mag es laut eigenem Bekunden lieber, wenn sich die Menschen in seinen Projekten wie auf dem Mars, statt wie zu Hause fühlen. Dementsprechend verbreitet Harbook auch nicht viel von der heimeligen und vertrauten Atmosphäre traditioneller Buchhandlungen. Es können beim Betreten sogar durchaus Zweifel aufkommen, ob man sich überhaupt in einem Buchladen befindet.

Eine Buchhandlung für Millennials
Die Ungewissheit liegt aber nicht allein an Caiolas unkonventionellen Gestaltungsprinzipien. Tatsächlich ist Harbook nicht als reine Buchhandlung, sondern als zeitgenössischer Concept Store konzipiert, der eine Buchhandlung, ein Café und einen Möbel-Showroom umfasst. Das Konzept zielt vor allem auf eine neue Generation von Stadtbewohnern: urbane Millennials, die sich trotz aller technologischen Vernetzung auch direkte Formen des sozialen und kulturellen Austauschs wünschen – und dafür nach besonderen Orten verlangen. Ein solcher ist allein schon das Café mit Blick auf den legendären, bei Dichtern als Inspirationsquelle beliebten Westsee.

Der Raum als imaginäre Stadtlandschaft
Caiola dagegen hat sich bei der Gestaltung der 600 Quadratmeter großen Fläche nach eigener Aussage von einer imaginären italienischen Stadtlandschaft inspirieren lassen. Das hervorstechendste Element sind dabei sicherlich die stilisierten, an klassische Portiken erinnernden Torbögen aus Stahl, die hier die offenen Bereiche säumen. In diese klassische Vorbilder evozierenden Zusammenhang gehören auch die freistehenden Objekte, die als Ausstellungsflächen dienen. Ihre aus verschiedenen geometrischen Formen zusammengesetzte Gestalt lässt sie wie abstrakte Skulpturen wirken, die das imaginäre Stadtbild schmücken.

Der postmoderne Twist
Teil dieses Stadtbildes ist aber auch ein postmoderner Twist, der vor allem darin zum Ausdruck kommt, dass hier eigentlich Unzusammengehöriges überzeugend zusammengebracht wird. Neben dem gänzlich unklassischen Farb-, Form- und Materialmix, der den gesamten Raum prägt, zeigen sich Caiolas extravagante Designvorstellungen speziell im Café: Sachlich und funktional wirkende kantige Pfeiler und Balken sind hier in ironischer Brechung in zartes Altrosa gehüllt und stehen zudem geradezu konfrontativ auf einem Boden aus traditionellen chinesischen Ziegelsteinen aus der Region.

Apropos China: Dass eine Buchhandlung gerade im Land des unaufhaltsamen technologischen Fortschritts nicht als Anachronismus empfunden wird, überrascht zunächst. Allerdings bedarf es hierzu schon einer unkonventionellen Herangehensweise, die herkömmlichen Vorstellungen ein zeitgemäßes Konzept entgegenstellt – wie das von Alberto Caiola zum Beispiel.

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