Puzzle aus Naturstein

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Text: Stella Hempel
Foto: Norbert Tukaj

„Think big!“ dachte sich das Team von DO Architects aus Vilnius und schuf für ein Apartment in Litauen einen extravaganten Terrazzoboden mit großformatigen, geometrisch geformten Natursteinstücken. In aufwändiger Handarbeit entstand ein einzigartiges Bodenkunstwerk, das im Bereich der Terrazzogestaltung wortwörtlich neue Maßstäbe setzt.

Es war ein Trip nach New York, der den Stein ins Rollen brachte. Die litauischen Architekten bewunderten in der Fifth Avenue den von David Chipperfield gestalteten Valentino-Flagship-Store, der von Kopf bis Fuß in Terrazzo gehüllt ist. Um der Modeboutique eine gewisse Palazzo-Atmosphäre zu verleihen, wurde Palladiana aus Italien gewählt, eine Variante des Terrazzo, die für ihren mosaikartigen Puzzle-Look bekannt ist. Kurz darauf begannen Andrė Baldišiūtė, Marija Steponavičiūtė und Dovilė Skrupskelienė von DO Architects aus Vilnius mit der Arbeit an einem neuen Projekt in ihrer Heimat. Sie wollten den offenen Wohnbereich des 138 Quadratmeter großen Apartments mit einem spektakulären Terrazzoboden schmücken. Kein Boden aus industriell vorgefertigten Formatplatten sollte es werden, sondern ein echter, traditionell und handwerklich hergestellter Ortsterrazzo – mit ungewöhnlich großen Steinstücken.

Etwa zwei Zentimeter dicke Stücke aus Marmor, Granit und Travertin bilden das grafische Muster des Terrazzobodens.

Terrazzo im Großformat
Terrazzo ist üblicherweise klein gemustert und erinnert – je nach Zuschlagstoff – an Stracciatella-Eis, türkischen Nougat oder buntes Konfetti. Aus Zement und Gesteinskörnungen, die meist nur wenige Millimeter groß sind, entsteht ein fugenloser Bodenbelag. Böden mit solchen Mikromustern sind seit dem Terrazzo-Revival vor einigen Jahren allgegenwärtig, doch das Team von DO Architects hatte etwas ganz anderes im Sinn: Eine Art Makroterrazzo mit imposanten Stücken aus Naturstein, die teilweise mehr als einen Quadratmeter groß sind, sodass die individuelle Maserung jedes einzelnen Steins schön zur Geltung kommt.

Eine verrückte Idee
Um ihren Terrazzo-Traum wahr werden zu lassen, mussten die Architekten zuerst den Kunden für ihre Idee begeistern. Die nächste Herausforderung bestand darin, Materialhersteller und vor allem Handwerker zu finden, die sich zutrauten, den mutigen Entwurf umzusetzen. „Am Anfang glaubte niemand daran, dass es klappen könnte“, erinnert sich Architektin Marija Steponavičiūtė. „Alle hielten unsere Idee für verrückt“, ergänzt ihre Kollegin Dovilė Skrupskelienė. Ein wenig Überzeugungsarbeit war nötig, doch schließlich fanden sich experimentierfreudige Partner in der Region.

Das Terrazzo-Puzzle im Überblick: Der Grundriss des Wohnbereichs zeigt die genaue Positionierung der geometrisch geformten Natursteinstücke – mit Aussparungen für Einbauschränke und die Kücheninsel.

Das Boden-Puzzle als Geduldsspiel
Ein Natursteinspezialist aus Vilnius lieferte zwei Zentimeter dicke, kreisrunde, dreieckige, quadratische und rechteckige Platten aus Marmor, Granit und Travertin. Diese wurdenexakt nach den Plänen der Architekten im Wohnbereich positioniert. Ein erfahrenes Team von litauischen Terrazzieri goss den Boden aus weißem Zement mit winzigen Gesteinskörnungen und kümmerte sich um die weitere Bearbeitung sowie das finale Polieren der Fläche. Das Puzzle aus Natursteinen in unterschiedlichen Formen und Farben wurde zum Geduldsspiel für alle Beteiligten. „Über einen Monat lang waren wir mit dem Terrazzoboden beschäftigt“, erzählt Marija Steponavičiūtė.

Bei der Möblierung des Wohnraums ging es anschließend darum, möglichst wenig von dem Bodenkunstwerk zu verdecken. Ein Platz für die Kücheninsel aus Italien war im Naturstein-Puzzle ohnehin schon vorgesehen. Ansonsten wählten die Architekten leichtfüßige, filigran gestaltete Möbelstücke, die mit runden, quadratischen oder rechteckigen Formen das geometrische Muster des Terrazzobodens widerspiegeln. Naturmaterialien wie Holz, Marmor, Leder und Fell ergänzen die edle Steincollage auf dem Boden.

Purismus im Schlafzimmer – Material-Mix im Bad
Eine moderne Betontreppe führt in die obere Etage des Apartments, die mit schlichtem, weißem Estrichboden, weiß gestrichenen Wänden, Decken und Säulen an eine Kunstgalerie erinnert. Wie Exponate in einer Galerie sind das Bett, die Trainingsgeräte und die kleine, sorgfältig kuratierte Möbelauswahl im Raum angeordnet. Eine dünne Aluminiumleiste, die in den Boden eingelegt wurde, trennt den Schlafbereich vom privaten Fitnessstudio. Wer in dieser puristischen Umgebung die abwechslungsreiche Terrazzo-Optik vermisst, schreitet durch einen der Durchgänge ins großzügig dimensionierte Badezimmer. Hier trifft eine mit gesprenkelten Terrazzoplatten verkleidete Wand auf Oberflächen aus Eschenholz, Marmor, Glas und Edelstahl. Der elegante Material-Mix und die Kombination von Möbeln renommierter Hersteller in diesem Apartment von DO Architects sind äußerst geschmackvoll. Doch was in Erinnerung bleibt, ist der außergewöhnliche Terrazzoboden. Die verrücktesten Ideen sind oft die besten.

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