Rampe für die Kunst

9

Text: Norman Kietzmann
Foto: Roland Halbe


„Urbanes Feld“, „Fabrik der Kreativität“, „Museum der Zukunft“: Es sind viele Namen, die dem neuen Museum für die Kunst des 21. Jahrhunderts (MAXXI) in Rom derzeit gegeben werden. Nach über elf Jahren Planungs- und Bauzeit ist das von Zaha Hadid entworfene Gebäude am 12. November 2009 offiziell fertig gestellt worden. Das Ergebnis: ein vielseitig zu bespielender Bau, der den künftigen Kuratoren allerdings ein gewisses Maß an gestalterischer Phantasie abverlangen wird. Die erste Ausstellung ist für Frühjahr 2010 geplant.



Es gibt Momente, in denen auch Pritzker-Preisträger manchmal sentimental werden. Und es gibt Momente, in denen selbst eine Zaha Hadid erstaunlich sentimental werden kann. So geschehen am vergangenen Donnerstag, als ihr Museum für die Kunst des 21. Jahrhunderts in Rom offiziell eingeweiht wurde. Auch wenn die Londoner Architektin derzeit gleich auf mehreren Dutzend Großbaustellen unterwegs ist, markiert dieses Ereignis weit mehr als nur eine weitere Schlüsselübergabe.

Langwierige Planung

Denn der Bau – den Wettbewerb hatte Hadid bereits 1998 gewonnen – steht wie kein anderer für den Übergang von ihrer schroffen, dekonstruktivistischen Frühphase hin zu einer deutlich fließenderen, organischen Gestaltungssprache. Mit dem komplex verschlungenem Raumgefüge des Museums hat sie jedoch weit mehr als nur ihren heutigen Stil gefunden. Das Gebäude, dessen Grundriss selbst zur Navigation auf ihrer Internetseite dient, hat ihr auch den Weg zu jenen Großprojekten geebnet, die die Irakerin derzeit rund um den Globus realisiert. Die Erleichterung über die Fertigstellung, die sich durch italienisches Baustellenchaos sowie Unklarheiten in der Finanzierung immer wieder verzögert hatte, war ihr sichtlich anzusehen. Zur Feier durfte sogar ihrgesamtes Londoner Büro mit seinen über 200 Mitarbeitern mit nach Rom reisen.

Anschluss an die Gegenwart

Dass die Eröffnung unterdessen angesichts unzähliger Reporter und Kamerateams zu einem medialen Großereignis anwuchs, hat jedoch noch einen weiteren Grund. Schließlich handelt es sich bei dem Gebäude um das erste staatliche Museum für zeitgenössische Kunst in Italien und damit zugleich um einen grundlegenden  Wandel in der bisherigen Kulturpolitik. Neben all seinen historischen Stätten bekommt Rom nun ein Museum, mit dem gezielt der Anschluss an die Gegenwart gesucht wird. Der Bau, der auf einem 29.000 Quadratmeter großen, ehemaligen Kasernengelände nördlich des historischen Zentrums errichtet wurde, soll ab kommendem Frühjahr auf knapp 10.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche nicht nur zeitgenössische Kunst bieten, sondern zu einem Drittel auch der Architektur gewidmet werden.

Museum ohne Sammlung

Doch an dieser Stelle zeigt sich das eigentliche Kuriosum des Projekt: Handelt es sich doch um das erste Museum, von dem bis heute keiner so richtig weiß, was eigentlich einmal hinein soll. Ganze 350 Werke umfasst die bescheidene Sammlung der Museumsstiftung bisher, darunter Arbeiten von Künstlern wie Mario Merz, Gerhard Richter, Francesco Clemente oder Anish Kapoor. Das ist angesichts der Sammlungen, auf die Paris, London oder New York verweisen können, mit Verlaub, ein ziemlicher Witz. Und auch im Vergleich mit privaten Sammlern wie Francois Pinault, der mit dem Palazzo Grassi sowie der im Juni 2009 eröffneten Punta della Dogana gleich über zwei private Spielstätten für zeitgenössische Kunst in Venedig verfügt, sieht die Lage kaum weniger kümmerlich aus. Immerhin, auf dem Gebiet der Architektur steht bereits eine Sammlung von 75.000 Werken bereit, darunter Arbeiten von Carlo Scarpa, Aldo Rossi oder Pierluigi Nervi. Doch auch hier ist auffällig, das die genannten Namen eher dem 20. als dem 21. Jahrhundert zugehörig sind. Wo bleibt an dieser Stelle das Neue?

Fließende Räume

Bisher ist es vor allem das Museumsgebäude selbst, mit dem der Sprung in die Gegenwart unterstrichen wird. Einen Altbau an der Via Guido Reni einbeziehend, erstreckt sich der Bau bis weit in das L-förmige Grundstück hinein und vollzieht eine markante 90-Grad-Kurve. Dennoch wirkt an einigen Stellen auf seltsame Weise vertraut. Vor allem von der Außenseit lassen ihre Referenzen an frühere Arbeiten, darunter die schräg gestellten Pfeilern des Vitra-Feuerwehrhauses, den Planungsstand von vor elf Jahren deutlich erkennen.
Wirkt der Bau von außen mit seiner Hülle aus Sichtbeton verschlossen und abweisend, überraschen die Ausstellungsräume mit ihrer Helligkeit und Größe. Der Umstand, dass die inhaltliche Ausrichtung des Gebäudes vorab nicht näher bestimmt wurde, hat hier ein ungewöhnlich offenes Raumprogramm ermöglicht, das sich über insgesamt drei Ebenen erstreckt. Erschlossen werden die Ausstellungsflächen sowohl über das zentrale Treppenhaus, das mit seinen schwarzen, Y-artig verschlungenen Aufgängen zugleich den prägnantesten Ort des Museums bildet. Als ein „urbanes Feld“, so die Entwurfsidee, sollen die Ausstellungsräume ineinander übergehen und Blickbeziehungen untereinander sowie gegenüber der städtischen Umgebung zulassen.

Selten gerade Wände


Die Ausstellungsflächen selbst sind als langgestreckte Räume konzipiert, die die Krümmung des Grundstücks sichtbar machen. Verfügt das Erdgeschoss über gerade Wände, wurde die nach Norden ausgerichtete Wand im ersten Obergeschoss mit einer leichten Schräge versehen. Wird der Raum hier nur subtil aus dem Gleichgewicht gebracht, zeigt sich das zweite Obergeschoss umso dramatischer. Der Baukörper, der sich im rechten Winkel über die erste Galerienebene hinweg schiebt, verfügt über einen Boden in durchgehender Schieflage. Wie eine Rampe schiebt er sich hinauf und mündet in einem großen Panoramafenster, das gefährlich weit ins Freie hinausragt. Von hier lässt sich nicht nur der ebenfalls von Hadid entworfene Außenbereich des Museums mit seinen aus dem Boden wachsenden Sitzbänken überschauen. Auch ermöglicht dieser mit 22 Metern höchste Punkt des Gebäudes einen Ausblick auf die umliegende Bebauung des Stadtviertels.

Funktionale Infrastruktur

Werden die angeschrägten Wände eine Ausstellung in klassischer Hängung keinesfalls leicht machen, wurde gleichzeitig eine flexibel einsetzbare Infrastruktur mit auf den Weg gegeben, die andere Arten der Präsentation erlaubt. So werden die Ausstellungsräume von großen, frei stehenden Liften durchbrochen, die mit ihren deckenhohen Türen selbst sperrigen Großskulpturen à la Richard Serra den leichten An- und Abtransport ermöglichen. Schwarze Bänder am Fuß der Ausstellungswände nehmen dezent die Lüftung auf und sind zudem in regelmäßigen Abständen mit Lautsprecherboxen bestückt. Der Einsatz von Audio ist auf diese Weise an allen Stellen des Museums ohne eine sichtbare Installation von Boxen möglich. Und auch die markanten Betonbänder an den Decken, die die Lamellen für den Sonnenschutz aufnehmenund zugleich die Fluchten betonen, verfügen über Schienen für eine flexible Hängung frei im Raum.

Herausforderung für die Kuratoren

Indem Zaha Hadid die Innenräume ins Wanken versetzt, spielt sie die Karten zugleich an die künftigen Kuratoren des Museums weiter. Wie eine Nutzung des Museums aussehen könnte, wurde unterdessen während der Eröffnungstage deutlich, als die Berliner Choreografin Sasha Waltz ihre „Dialogen 09“ in den Räumen des leeren Museums inszenierte. Über die Bewegung der Tänzer, den Einsatz riesiger Windmaschinen sowie von Livemusik wurde das Haus plötzlich zu Leben erweckt. Und auch als Ort für eine Party, die das Büro von Zaha Hadid im Anschluss gab, schien das Haus bestens geeignet. Ein Vorgeschmack auf das, was sich an dieser Stelle noch öfters passieren könnte.
Weitere Artikel 13 - 25 von 40 Mobile Miniarchitektur House of Cards: Wohnen in Perth  Ein Elefant für den Gin Tonic Hofleben neben dem Baudenkmal In großem Stil auf kleinem Raum Offene Bauweise Richard Serra auf dem Dach Ich schaue in die Landschaft und träume Ein Haus für Grenzgänger Klug gestapelt: Mikroapartments in Seoul Rote Erde, weiße Wand Puzzle aus Naturstein

Portraits, Hintergrundberichte und Reportagen zum Zeitgeschehen im Designbereich.

Aisslinger