Raumschiff mit Bodenhaftung

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Text: Norman Kietzmann


Man lebt nur zweimal, lautet nicht nur der Name einer frühen James-Bond-Verfilmung. Dass dieser Grundsatz ebenso in der Gestaltung gelten kann, hat nun der Berliner Designer Werner Aisslinger mit der Weiterentwicklung seines Loftcubes gezeigt. Sollte die erste Version der kompakten Wohneinheit vor sieben Jahren noch mit dem Helikopter auf den Dächern trendiger New-Economy-Büros platziert werden, schlägt dessen Nachfolger bei weitem bodenständigere Wege ein. Das Geheimrezept des "Fincube" getauften Modells: ein umfassendes Nachhaltigkeits-Paket, das die einstige Spielerei in eine smarte Langzeitinvestition verwandelt.


Auch diesmal ging es hoch hinaus: Der Helikopter musste zwar auf dem Boden bleiben, doch dafür sorgte bereits die Landschaft für einen Auftrieb in über 1200 Meter über dem Meeresspiegel. In Ritten, einem idyllischen Bergort nördlich von Bozen, erlebte nun die aktualisierte Version des vorfabrizierten Hauses inmitten der dolomitischen Alpen ihre Premiere. Auch diese vereint wie ihr Vorgänger alle Funktionen des Wohnens auf einem kompakten, quadratischen Grundriss und ist leicht genug, um als transportables Refugium an jeden Ort mitgenommen zu werden, an den es seinen Besitzer verschlägt.

Lokaler Ursprung

Was Aisslinger an seinem Entwurf veränderte, ging weit über ein Face-Lifting hinaus und bedeutet vor allem in der Frage der Materialität einen grundlegenden Neuanfang. Anstatt wie bei der Konstruktion des Loftcubes auf glasfaserverstärkten Kunststoff (GFK) zu setzen und den Innenraum als eine Leistungsschau im Umgang mit dem ebenfalls künstlichen Corian zu inszenieren, besteht der „Fincube“ vollständig aus Holz. Wurde dieses in den Lärchen-Wäldern der Umgebung gewonnen, konnte die CO2-Bilanz durch die Zusammenarbeit mit lokalen Zulieferern und Handwerkern zusätzlich verbessert werden. Nachhaltig zeigt sich auch die veränderte „Erdung" der schwebenden Wohneinheit, die anstatt mit vier nun mit einem einzelnen Fuß auskommt und lediglich einen Abdruck von zwei Quadratmetern auf dem Baugrund hinterlässt.

Wie sein Vorgänger öffnet sich auch der „Fincube“ mit einer durchgehenden Verglasung an allen Seiten zu seiner Umgebung. Vor die Glasfronten platzierte Aisslinger einen umlaufenden Balkon, der von hölzernen Blenden umschlossen wird. Das Gebäude erhält auf diese Weise nicht nur eine schützende, kokonartige Erscheinung, sondern ebenso eine natürliche Klimatisierung. Während die zu Dach und Boden verdichteten Blenden die Sonnenstrahlen im Sommer abfangen, können die Strahlen im Winter aufgrund des niedrigeren Sonnenstandes dennoch ins Innere gelangen und das Gebäude aufwärmen.

Gebändigtes Wohnen


Die Veränderung gegenüber dem Vorgänger kam auch im Inneren zu tragen. War der Loftcube als offene Wohnlandschaft konzipiert, kommt der 47 Quadratmeter große „Fincube“ mit einer beinahe klassischen Raumaufteilung daher. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche und Bad sind als vier separate Zonen angelegt, die über einen umlaufenden Gang entlang der Fensterflächen erschlossen werden. Türen sind mit Ausnahme des Badezimmers keine vorgesehen. Dafür vollziehen raumhohe Schrankelemente einen diagonalen Schnitt durch den Innenraum und schaffen eine optische Verbindung zwischen Wohnraum und Küche, während Schlaf- und Badezimmer zwar direkt nebeneinander liegen, doch über eine Wand klar voneinander getrennt wurden.

Im Sommer können die Fenster zur Seite aufgeschoben werden und erweitern den Wohnraum um die Tiefe der umlaufenden Terrasse. Die hölzernen Blenden sorgen dabei für Sicherheit und bewahren Gäste wie Bewohner vor einem unfreiwilligen Sturz ins Freie. Schließlich ist der gesamte Bau über den Boden erhoben und wie im Falle des nun vorgestellten Prototypen sogar an einen Hang gebaut. Wie auch für die Konstruktion des Hauses kamen im gesamten Innenraum ausschließlich Lärchen- und Pinienholz zum Einsatz.

Invasion in die Idylle
 
Doch so schlüssig die Weiterentwicklung des Konzepts auch scheint: Etwas Sorgen bereitet unterdessen der Vorschlag des Südtiroler Hoteliers Josef Innerhofer, der auch den jetzigen Prototyp des „Fincube“ finanziert hat. Sein Szenario: Ganze Feriendörfer aus „Fincubes“ sollen künftig „inmitten der schönsten Landschaften“ platziert werden und dort als temporäre Feriensiedlung – zumindest in der Theorie – keine bleibenden Schäden hinterlassen. Schließlich braucht es nur den Platz für die Füße der „Fincubes“, die zugleich über der vorhandenen Vegetation schweben können. Sieht so also die Konsequenz von Nachhaltigkeit aus?

Das Problem sind schließlich weniger die Abdrücke, die die Häuser in der Landschaft hinterlassen. Es ist deren Erschließung und spätere Benutzung, die diese Gleichung nicht ganz aufgehen lassen. Denn Abfälle gehören nach wie vor zu unserem Alltag, und auch die nötige Infrastruktur wie Wasser und Strom wird nicht ohne Spuren in der Natur bleiben. Die Bemühungen, die mit einer ressourcenschonenden Neuentwicklung des Gebäudes erzielt wurden, werden durch die Invasion in unberührte Natur weit mehr als aufgehoben. Dann doch lieber einen „Fincube“ auf einem Flachdach in Berlin-Mitte – und zwar mit dem Helikopter, wie es sich gehört.
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