Raumwunder im Reihenhaus

16

Text: Nina C. Müller
Foto: Luis Diaz Diaz

Im belgischen Hasselt sollten i.s.m.architecten aus Antwerpen ein Reihenhaus familientauglich machen. Keine leichte Aufgabe, denn bei der Renovierung und Erweiterung des schmalen Baus wurde dem Team um Koen Pauwels und Wim Van der Vurst einige Steine in den Weg gelegt – im übertragenen wie wortwörtlichen Sinn. Die echten Steine verwendeten sie wieder. Für die anderen fanden sie trickreiche Lösungen, mit denen sie den Wohnraum größer machen als er eigentlich ist – ganz ohne Mauern zu bauen.

Reihenhäuser haben hierzulande ja nicht den besten Ruf. Eng, spießbürgerlich, viel zu dicht beieinander. Und hat man nicht gerade das erste oder letzte Filetstück der Reihe, rücken einem auch noch die Nachbarn zu Leibe. In Belgien sind Bauherren und Planer zudem auch noch staatlichen Beschränkungen unterworfen. „Die Reihenhäuser hier sind in der Regel wegen ihres Kontexts, aber auch wegen der städtebaulichen Vorschriften stark eingeschränkt“, erzählen die Verantwortlichen von i.s.m.architecten.

Das Grundstück ihrer Auftraggeber verfügte lediglich über eine Breite von fünfeinhalb und einer maximalen Bautiefe von 18 Metern. „Wir wussten also, dass jeder Quadratmeter zählt und wir Strategien brauchen, die Raum für die junge Familie schaffen“, erläutern die Architekten. Zwar konnten sie durch den Anbau im Außenraum Fläche gewinnen. Doch erkannten sie, dass sich eine Unterteilung des langgezogenen Wohnbereichs des schmalen Hauses ausschloss. Während andernorts mit Raumabschnitten unterschiedliche Atmosphären erzeugt werden, wären einzelne Zimmer hier schlichtweg zu kleinteilig geworden.

Trennen und Verbinden
Um dennoch eine optische Funktionstrennung zu erreichen, lag ihre Lösung in der ungewöhnlichen Verwendung von Materialien, die nicht selten zu spannungsreichen Kontrasten führte. Auf dem Boden des Erdgeschosses trifft nun Teppich auf polierten Boden. Die Wände sind mal farbig, mal weiß gehalten, mal mit Holz verkleidet. Und für die Decken wechselt sich Putz mit Holz ab. So gelingt es den Planern, Küche, Essbereich und Wohnzimmer ganz individuelle Farb- und Materialgestaltungen zu verleihen – ohne ein stimmiges Gesamtkonzept aufzugeben.

Um das zu erreichen, setzten sie auf verschiedene Ausführungen ein und desselben Materials. „Das Holz der Möbel im Wohnzimmer wiederholt sich in der Küchendecke. Seine Struktur wird teils verdeckt, teils hervorgehoben“, berichten die Planer. Und auch Experimente mit Rohstoffen derselben Gattung findet man vor. Im Außenbereich verwendeten sie für den Anbau alte Ziegel des Bestands wieder. Diese bilden einen reizvollen Kontrast zu den ebenfalls rötlich gefärbten Marmorplatten in der Küche, die als Arbeitsplatte und Küchenrückwand dienen. Während die Architekten im gesamten Interieur auf formreduzierte Flächen setzen, sorgen sie mit Holz, Stein, Beton und sogar dem Teppich für lebendige Maserungen und Texturen.

Ausgetrickst!
Ein weiteres Element zur Gliederung der langgezogenen Fläche, sind die unterschiedlichen Höhen der Räume, die die Architekten ebenfalls geschickt in den Entwurf einbeziehen. Je weiter man in das Haus hineingeht, desto höher werden die Decken. Durch die deckenhohen Fenster in der Küche scheint der Raum so immer weiter und offener zu werden. Doch dabei bleibt es nicht. Sie dachten sich noch mehr Tricks aus, um die Raumwirkung weiter zu steigern. Mit Schränken, die in der Wand eingelassen sind, schaffen sie dezenten Stauraum, der platzraubende Möbelstücke verzichtbar macht. Auch ein schräg am Küchenschrank angebrachter Spiegel verbindet Mobiliar und Architektur auf harmonische Weise. Er soll einen zusätzlichen Blick auf den Garten ermöglichen. Und tatsächlich gelingt es den Architekten auch mit diesem einfachen Kniff, den Raum noch weiter auszudehnen – bis nach draußen.

Weitere Artikel 13 - 16 von 16 Dinner mit Tom Dixon Wohnen nach Jahreszeiten Hommage an den Süden Die Kühl-Keller-Kammer-Kombi

Portraits, Hintergrundberichte und Reportagen zum Zeitgeschehen im Designbereich.

Bouroullec