Remix für Rockefeller: Häberli belebt einen Klassiker

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Text: Tim Berge
Foto: Girsberger

Partner: Girsberger

Es hat etwas von Vorbestimmung: Im Jahr 1964 entstand die raumgreifende Installation Rockefeller Dining Room des Künstlers Fritz Glarner – und im selben Jahr wurde der heute weltberühmte Gestalter Alfredo Häberli geboren, der nun im Auftrag des Zürcher Museums Haus Konstruktiv eine neue Möblierung für das einmalige Werk konkreter Raumgestaltung entwarf. Realisiert wurden die Entwürfe vom Möbelhersteller Girsberger und dessen Geschäftsbereich Customized Furniture. 

Nelson Rockefeller hatte Fritz Glarner 1963 beauftragt, seinen Essbereich zu gestalten. Der in New York lebende Künstler konzipierte ein begehbares Bild nach seinem Konzept des „Relational Painting" und damit ein herausragendes Beispiel für Raumgestaltung im Kontext der Moderne. 

Die Summe aller Teile 
Der Rockefeller Dining Room besteht aus einer Vielzahl großformatiger Öl-auf-Leinwand-Bilder, die puzzleartig zusammengesetzt die vollständige Wand- und Deckenfläche des ehemaligen Esszimmers in Rockefellers New Yorker Stadtwohnung bedeckten. Die abstrakt-geometrischen Formen sind vor allem in den Primärfarben dargestellt, die in Wechselwirkung mit 35 verschiedenen Grautönen treten. Für den Künstler Fritz Glarner, der 1936 aus der Schweiz in die USA emigriert war, stand das raumgreifende Projekt für eine Symbiose aus Architektur und Farbe. Damit griff er ein künstlerisches Thema auf, das Gleichgesinnte, wie die Gruppe De Stijl und sein Wegbegleiter Piet Mondrian, zu dieser Zeit ebenfalls in Theorie und Praxis behandelten. Heute zählt der Rockefeller Dining Room zu den wichtigsten erhaltenen ganzheitlichen Raumgestaltungen der Moderne. 

Nach dem Tod des Politikers Nelson Rockefeller sollte das Esszimmer in Einzelteilen verkauft werden, doch erworben wurde das Werk als Ganzes von der Schweizer Paul-Büchi-Stiftung. Diese übergab die Installation dem Museum Haus Konstruktiv, dass die Arbeit seit 2008 permanent in seinen Ausstellungsräumen präsentiert. Aber erst 2016 wurde das Werk wieder seiner ursprünglichen Bestimmung näher gebracht: Das Museum beauftragte den Designer Alfredo Häberli, ein neues Interieur zu entwerfen, um Glarners raumspezifische Arbeit wieder im Kontext eines Esszimmers erfahrbar zu machen.  

Alt und neu im Einklang 
In Zusammenarbeit mit dem Möbelhersteller Girsberger und seinem Projektbereich Customized Furniture entwickelte der in Argentinien geborene und in Zürich lebende Häberli einen raumgreifenden Tisch, zwanzig Drahtstühle und eine passende LED-Leuchte aus Stahlprofilen. Bei der Gestaltung der Objekte geht der Designer auf den künstlerischen Kontext ein und hält ihm mit der Möblierung ein zeitgenössisches Spiegelbild entgegen, mit subtilen Bezügen zur Malerei Glarners. Alle neu hinzugefügten Elemente sind ebenfalls aus klaren Linien und Flächen komponiert und nehmen die grafische Schichtung sowie das Spiel mit fein nuancierten Grautönen auf. Die Stühle aus Draht wirken durch ihre rhythmisch-linearen Flächenteilungen wie eine ins Dreidimensionale übertragene Skizze des Künstlers – und entsprechen doch allen ergonomischen Kriterien unserer Zeit. Mithilfe von Prototypen entwickelte Girsberger die exakten Biegeradien des Stuhles und lotete die perfekten Proportionen für ein komfortables Sitzen aus – schließlich soll der Raum für besondere Anlässe als Esszimmer zur Verfügung stehen.  

Der Tisch von Häberli besteht aus einem aus dünnen Flächen gefalteten Gestell und einer 4,8 Meter langen Glasplatte aus Weißglas, die das Werk Glarners spiegelt und gleichzeitig dank ihrer Transparenz den Raumeindruck kaum beeinflusst. Über dem Esstisch hängt eine Deckenleuchte, die in ihrer Formensprache das Thema Faltung aufnimmt, sich individuell dimmen lässt und direkte und indirekte Beleuchtung ermöglicht. Durch die umfassende handwerkliche Kompetenz Girsbergers als Manufaktur konnten alle Objekte aus einer Hand gefertigt werden: Eine Qualität, die man dem Projekt ansieht. Zusammen mit Alfredo Häberlis sensiblem Umgang mit der konstruktiv-konkreten Raumskulptur Glarners ist ein Projekt entstanden, das die ursprüngliche Installation gelungen inszeniert – und ihr trotzdem eine neue, zeitgemäße Gestaltung gibt.

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