Residência Tomie Ohtake: Haus einer Künstlerin

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Text: Uli Meyer
Foto: Instituto Tomie Ohtake

Das Wohnhaus der renommierten brasilianischen Künstlerin Tomie Ohtake blieb seit ihrem Tod 2015 unverändert. Geplant wurde es in drei Bauabschnitten von ihrem Sohn, dem Architekten Ruy Ohtake. Ihr jüngerer Sohn Ricardo ist der Leiter des Instituto Tomie Ohtake, einer Institution für Kunst, Architektur und Design in São Paulo. Er führt uns durch das Haus, das in diesem Jahr der Öffentlichkeit zugängig gemacht werden soll.

São Paulo ist bekanntlich die Stadt mit der größten japanischen Community außerhalb Japans. Die Kultur zeigt sich in eigenen Stadtvierteln, hervorragendem japanischen Essen und dem Einfluss der Brasilianer mit japanischen Wurzeln auf das politische und kulturelle Leben der Stadt.


Von Kyoto nach São Paulo
Die Japanerin Tomie Ohtake (1913 – 2015) reiste 1936 von Kyoto nach São Paulo, um dort einen ihrer Brüder zu besuchen und wurde durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges daran gehindert, wieder in ihre Heimat zurück zu kehren. Sie heiratete, bekam zwei Söhne und fing mit beinahe 40 Jahren, nachdem sie die Bekanntschaft des Künstlers Keiya Sugano gemacht hatte, an zu malen. „In ihren Fünfzigern nahm ihre Karriere mit zahlreichen Soloausstellungen und Kunstpreisen richtig Fahrt auf“, erzählt Ricardo Ohtake. „Nach und nach wurde sie in Brasilien neben der Malerei auch mit ihren Skulpturen und Drucken sehr bekannt.“

Brasilianische Moderne in Campo Belo

Einer der stark von japanisch-stämmigen Immigranten geprägten Stadtteile ist Campo Belo, südlich der Innenstadt. Hier konnte Tomie Ohtake Ende der Sechzigerjahre, als die Gegend gerade erschlossen wurde, relativ preiswert ein Stück Land erwerben. Ihr Sohn Ruy, Jahrgang 1938, hatte kurz zuvor sein Architekturstudium an der Universität von São Paulo beendet und nahm 1968, als eines seiner ersten Projekte, die Planung für das Wohnhaus seiner Mutter auf.
 „Mein Bruder hatte von Anfang an ein klares Konzept für das Grundstück“, erinnert sich Ricardo Ohtake. „Weil es durchgehend flach ist, hat er mit unterschiedlichen Ebenen gearbeitet, um die Funktionen voneinander zu trennen. Ihm war – so glaube ich heute – von Anfang an klar, dass das Haus ein paar Erweiterungen erfahren würde“, sagt er und lacht.



Durchgängiges Raumgefüge
Der Eingang des eingeschossigen Bungalows befindet sich vier Stufen über Straßenniveau und bildet die einzige Öffnung nach vorne hinaus. Die Stufen führen zur sogenannten Galerie des Hauses: Eine langgezogene Eingangshalle mit seitlichen, aus Beton gegossenen Regalen geht über in einen Wohnbereich mit offenem Kamin und weiter zu einer breiten Fensterfront auf der linken Seite des Raumes. Viel Licht fällt durch große Fensteröffnungen und vier Fiberglas-Deckenlichter im Flachdach, die die Segmente zwischen den Betonstürzen ausfüllen. Zwei kleine Schlafzimmer mit angeschlossenem Bad – gedacht als Räume für die beiden Söhne – hat Ruy Ohtake als Kuben und Raumteiler in diese lange Galerie gestellt.


Beton in Primärfarben
Im hinteren Bereich, durch den Kubus vom Hauptraum getrennt, führen drei Stufen hinunter zum ehemaligen Studio der Künstlerin und dem dahinter liegenden privaten Schlafzimmer mit integriertem Bad. Der rund acht Meter breite Baukörper konnte leicht mit Betonträgern überspannt werden. Keine Stützen stören das Bild und es entsteht der Eindruck eines langen, einteiligen Raumes, der nur durch die Querträger in Deckenhöhe strukturiert wird.

Beim Betreten des Hauses sticht sofort die leidenschaftliche Verwendung von Beton ins Auge. Nicht nur die unterschiedlichen Regale, auch der große Tisch im Essbereich und der Sockel der Sitzmöbel wurden aus dem Material gegossen, in Zusammenspiel mit einem Fußboden und Wänden aus Sichtbeton. Einige der Innenwände sind in Primärfarben gestrichen und heben sich stark davon ab.

Die Erweiterungen
Als 1980 Tomie Ohtake ein benachbartes Grundstück erwerben konnte, erfolgte eine erste Erweiterung des Anwesens. Ruy öffnete eine Wand des Haupthauses und setzte an dessen vorderen Teil einen acht Meter breiten Baukörper. Hier befinden sich heute die Bibliothek und ein großes Esszimmer. Im hinteren Bereich wurde der Garten angelegt, zu dem sich eine breite Fensterfront öffnet.

„Obwohl beide, Tomie wie auch Ruy, unglaublich starke Charaktere besaßen und besitzen, funktionierte die Zusammenarbeit zwischen Bauherrin und Architekt immer erstaunlich gut. Bei vielen Projekten haben die beiden auch später zusammengearbeitet. Er als Architekt, während sie für die Kunst am Bau verantwortlich war.”



Das große Atelier

1992 konnte Tomie Ohtake ein weiteres Stück Land dazu erwerben. Hier plante Ruy – gleich neben der ersten Erweiterung – das nun deutlich größere Atelier der Künstlerin. Bei einer Deckenhöhe von 3,65 Metern war es jetzt für sie auch möglich, großformatige Arbeiten zu realisieren. 
„Jeder Bewohner von São Paulo kennt irgendeine Skulptur von Tomie. Sie prägen mit ihrer Größe und den Farben, vor allem durch das starke Rot, den Stadtraum von São Paulo. Es ist fast nicht möglich, ihnen zu entkommen,” lacht Ricardo. „Aber auch sie selbst als Person wurde sehr bekannt. Ab ihren Siebzigern wurde sie in Brasilien beinahe so etwas wie ein Star. Wenn man mit ihr die Straße entlang ging, hieß es ständig „hallo Tomie hier, hallo Tomie da”.“



Fließende Übergänge
Um die drei Gebäudeabschnitte auf der Gartenseite visuell miteinander zu verbinden, ließ Ruy eine Art geschwungene Betonmarkise gießen, die einen Bereich der großen Terrasse überschattet. „Wüsste man nicht, dass die drei Teile des Hauses zu unterschiedlichen Zeiten gebaut wurden, würde man kaum auf die Idee kommen, nicht wahr?”, bemerkt Ricardo Ohtake. Auch im Inneren lassen sich die Erweiterungen nicht ablesen. Nur drei Zentimeter dünne, Schiffsschotten ähnliche Zwischenwände verbinden die Bauteile miteinander.

„Wir wollen das Haus noch in diesem Jahr für die Öffentlichkeit zugänglich machen“, erklärt Ricardo Ohtake, der heute als Leiter des Instituto Ohtake das künstlerische Erbe seiner Mutter vertritt. „Wahrscheinlich werden wir kleine Ausstellungen organisieren und es für Konferenzen und andere Veranstaltungen öffnen.”

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