Respektvolle Transformation

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Text: Kathrin Spohr, Foto: Daniel Hofer

Am südwestlichen Zipfel Niedersachsens liegt das Werk der Firma Tecta, die seit Jahrzehnten Möbelklassiker des Bauhauses produziert. Von den sparsamen Anfängen bis zu stattlichen Ausstellungsneubauten aus den Neunzigern und Nullerjahren ist der Komplex zu einem architektonischen Highlight herangewachsen. Nun erhielt die Firmenzentrale durch den behutsamen Eingriff eines Berliner Architekten eine gelungene Erneuerung.

Lauenförde – auf der geografischen Landkarte mag dieses kleine Örtchen an der Weser, irgendwo zwischen Bielefeld und Göttingen, Nowhereland sein. Auf der Landkarte des internationalen Designs hingegen schreibt Lauenförde Geschichte. Denn hier ist seit 1956 der Möbelhersteller Tecta beheimatet. Und stellt unter anderem Stühle, Tische, Sessel und Sofas der Moderne her, die Begeisterungswellen auslösen: originalgetreue Bauhaus-Reeditionen von Größen wie Mies van der Rohe, Marcel Breuer oder Walter Gropius. Nur logisch, dass der Firmensitz nicht irgendein profanes Gebäude sein kann, sondern allmählich zu einem Gesamtkunstwerk wurde. Doch auch jede noch so großartige Unternehmensarchitektur kommt irgendwann in die Jahre. Spätestens, wenn sich die Arbeitsrealitäten ändern. Jetzt erhielt Tecta Landscape ein kräftiges Update und dies – auch bezeichnend für Tecta – nicht etwa von einem Designstar, sondern vom Nachwuchsarchitekten Andree Weissert aus Berlin.

Gestalterischer Neustart
Tecta-Gründer und Architekt Hans Könecke hatte die Büros und die Produktionswerkstätten – Tischlerei, Flecht- und Polsterwerkstatt sowie Metallverarbeitung – in den 1950er Jahren erbaut. Damals musste er seinen Firmensitz mit sparsamen Mitteln errichten. Das britische Architektenehepaar Alison und Peter Smithson ergänzte zwischen 1990 und 2003 dann drei rote Ausstellungspavillons – das Kragstuhlmuseum, das sich voll und ganz dem Freischwinger widmet. Ein außergewöhnliches Areal entstand, das die Manufaktur mit der idyllischen Landschaft verbindet. Und auch der Künstler Stefan Wewerka, dessen Möbel sich ins Tecta-Portfolio einreihen, hat hier seine Spuren hinterlassen: mit seinem gläsernen Wewerka-Pavillon, der ebenfalls Ausstellungsraum ist.

„Es gab in den vergangenen 50 Jahren zwar hier und da kleinere Interventionen“, erzählt Andree Weissert, „aber die Gesamtsubstanz musste energetisch und funktional erneuert werden: Heizung, Dämmung, Fenster. Gleichzeitig ging es darum, für Tecta insgesamt einen gestalterischen Neustart zu machen.“ Ein Generationswechsel gab Anlass dazu. Nachdem Werner und Axel Bruchhäuser 1972 das Unternehmen von Hans Könecke mit der Idee übernommen hatten, die klassische Moderne auch in Deutschland bekannt zu machen, kam nun der Neffe Christian Drescher neben Axel Bruchhäuser an die Spitze des Familienbetriebs: Er sorgte für einen neuen Marken-, Web- und auch Messestandauftritt. Der Umbau sollte ein weiterer Baustein für die Zukunft Tectas sein.

Kulturgut neu aufladen
Solch ein Erbe zeitgemäß zu verändern, ist eine Herausforderung, die viel Gespür und Sensibilität erfordert. Schließlich galt es nicht, die vorhandene Architektur einfach verschwinden zu lassen. Sondern, wie Weissert erzählt, Relevantes zu bewahren und den Bestand aktuellen Anforderungen anzupassen. Dazu gehörte auch, Anschauungen und Kultur des Bauhauses und weiterer Tecta prägender Gestalter in eine zeitgemäße Arbeitslandschaft zu transportieren.

Zonierung mit raumteilenden Möbeln von Weissert
Andree Weissert schien der richtige Gestalter für diese Aufgabe. Vor etwa vier Jahren hatte Axel Bruchhäuser den Zimmermann und Architekten in Berlin kennengelernt. Möbel seien für ihn, wie er sagt „raumbildende Elemente“ und keine singulären Objekte. Eine Auffassung, die passte. Weissert entwarf einen ersten Tisch für Tecta, den M36. Mit Erfolg. Der Austausch zwischen Tecta und Weissert blieb. Kontinuierlich. So kam es zum Auftrag.

Behutsame Neuordnung
Was der Architekt vorfand, war eine Struktur mit Zellenbüros, die aus den 1950er Jahren stammte. „Eine Zeit, in der Schreibmaschinen noch klapperten. Und wo Hierarchien mit Abgrenzung zwischen Geschäftsführung und Personal eine ganz andere Bedeutung hatten,“ sagt Weissert. „Wir haben viele Gespräche geführt, um Wege, Abläufe zu analysieren und Erkenntnisse für die Neugestaltung zu gewinnen. Ich habe Spaziergänge durch das Gelände gemacht, um die Potenziale herauszuholen, die im Tecta Headquarter schlummern.“

Nun hat der Berliner eine Ordnung geschaffen, in der sich Zusammenarbeit und das Miteinander stark abzeichnen: „Die Einrichtung ist nicht ‚office‘ und funktional, sie ist mit Tecta-Möbeln eingerichtet und bietet den Mitarbeitern vielfältige Möglichkeiten zu arbeiten, sich auszutauschen, zu sitzen“ erklärt er. Zuvor zugebaute Bereiche wurden geöffnet, transparenter gemacht. Die Eingangssituation wurde zu einem Foyer aufgewertet. Beim Betreten des Gebäudes entstehen nun Sichtbezüge in alle Bereiche des Unternehmens. Aus den Zellenbüros mit einem innen liegenden Erschließungsgang ist eine offene Abfolge von Arbeitsplätzen geworden, von denen jetzt ein weiter Blick in den wunderschönen Außenraum möglich wird, den die Smithsons seinerzeit als Landschaftspark gedacht hatten.

Selbstbewusst hat Weissert maßgeschneiderte Möbel kreiert, die dem Büro einen besonderen Charakter geben und es in Arbeitszonen gliedern: Es gibt Bereiche für das Arbeiten mit dem Computer. Stehtische ermöglichen den Wechsel der Situation. Entlang der Fensterfront erstreckt sich eine Bank aus Ahornholz, die ebenfalls Kommunikation im Büro stützen soll. Auch hier sind lange Sichtachsen entstanden. „So haben wir das räumliche Potenzial ausgereizt. Im Prinzip habe ich nichts neu erfunden, sondern vorhandene Qualitäten herausgearbeitet“, findet Weissert.

Blaue Weite
Weil sie den Raum bereicherten, so Weissert, arbeite er gern mit Farben. In Lauenförde hat der Architekt sie so eingesetzt, dass ein lebendiges Spiel mit Proportionen und Tiefen entsteht. Ein atmosphärischer Mix aus Holz, Stahl, farbig lackierten Flächen sowie gelb getöntem Glas prägen das neue Ambiente. Und da das Büro an sich keine riesige Grundfläche hat, setzte Weissert bei einer gesamten Schrankwand gezielt die Farbe Blau ein, um den Raum optisch zu weiten. „Wenn man nun von außen in das Büro hineinschaut, denkt man, das Büro sei zu einem Aquarium geworden, ein schöner Effekt“, sagt der Gestalter. Ein weiteres Beispiel für den gelungenen Umgang mit dem architektonischen Kulturgut ist die Transformation der einstigen Kantine, der Canteen Porch von Alison Smithson. Weissert: „Der Raum war nicht optimal genutzt. Wir haben ihn multifunktional gemacht.“ Die voll funktionsfähige Küche ist immer noch da, kann aber hinter Schiebeläden verschwinden. Dann wird daraus ein Konferenzraum. Das Podest, das Stefan Wewerka dort einmal eingebaut hat, wurde zur aquablauen Bühne umgestaltet. Sie kann als Lounge oder auch Showroom genutzt werden, etwa um Möblierungen für Kunden zu inszenieren. Darüber hinaus ließ Weissert auch diesen Raum so öffnen, dass er mit der Tecta-Galerie gut kommuniziert. Diese transparente Struktur macht die Idee der kreativen Synthese von Unternehmer, Handwerker und Designer, wie sie von Beginn an bei Tecta gelebt wird, deutlich.

Die rote Klammer
Nebenbei ist Andree Weissert auch noch ein neues Möbelstück für Tecta gelungen, der Bürotisch M38: ein funktionales Design mit sauberer, filigraner Linienführung. Auffällig ist das knallrote Stahlgestell. Die Idee dazu kam Weissert in seinem Berliner Büro. Weissert: „Wenn Stahlteile geliefert werden, sind sie mit roter Rostschutzfarbe versehen. Das war meine Assoziation!“ Natürlich hat Weissert dann eine schönere Rotnuance für den M38 gewählt. Erst später wies Axel Bruchhäuser darauf hin, dass ja auch die Gebäude der Smithsons rot sind. „Ein toller Zufall. Dann war es nur logisch und sinnvoll, dass wir auch alle Doppelstahlträger im Büro freilegen mussten, um sie mit dieser Farbe zu markieren“, sagt der Architekt. Rot ist nun der Link zwischen Architektur und Möbel, zwischen Exterior und Interior. Die Smithsons etwa hatten während ihrer Tätigkeit bei Tecta Aspekte wie den „Space between“, also Orte der geladenen Leere, propagiert. Genau dieser „Space between“ wird durch Weisserts überraschende und subtile Wechselwirkung zwischen der idyllischen Lauenförder Landschaft außen und dem Tecta-Büro innen neu erlebbar. Womit er souverän die gestalterischen Positionen von heute und gestern verbindet.

Weitere Antworten auf die Fragen zur Arbeitswelt der Zukunft finden Sie in unserem großen Special zur Orgatec 2016.

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