Reste Reloaded

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Text: Tanja Pabelick

Die Liste ihrer Auszeichnungen füllt mehr als eine DIN-A4-Seite, die tatsächlichen Trophäen stapeln sich im Hongkonger Büro bis unter die Decke. 2004 haben Ajax Law und Virginia Lung ihr Studio One Plus Partnership (OPP) gegründet, seither „unterhalten sie die globale Designindustrie“, wie sie selbst es ausdrücken, mit ihrer ganz eigenen Sicht auf die Dinge. Eine Zutat ihres Geheimrezeptes ist Abfall, eine andere sind Designklassiker. Wie sie diese vermeintlichen Gegenspieler gekonnt gemeinsam einsetzen, lässt sich in ihren neuen Arbeitsräumen im Stadtteil Quarry Bay sehen.

Designer wie Ajax Law und Virginia Lung sind immer auf der Suche nach Tapeten, Möbeln oder Stoffen für ihre außergewöhnlichen Interieurs. Auf den vielen Arbeitstischen ihres Studios schichten sich Muster und Stoffproben in allen Nuancen zu farblich sortierten Bergen. Mit jedem abgeschlossenen Projekt müssten diese textilen Landschaften eigentlich in der Schublade oder in der Tonne landen. Bei One Plus Partnership aber führen sie neuerdings ein zweites Leben. Als Patchwork-Bezüge kleiden sie in ihrem frisch renovierten Büro Sofas und Stühle und schenken den abgesessenen Polstermöbeln eine zweite Existenz. OPP erachtet „Up- und Recycling als den gefragten Trend für die Zukunft“, und das neue Studio ist ein Schauraum der eigenen Designhaltung.

Altes frisch gewickelt
Der nachhaltigen Gestaltung hat sich das Duo verschrieben, sie nennen ihren Ansatz aber auch schon mal augenzwinkernd „Schrottplatz-Konzept“. Alte Schränke mit abgeblätterter Farbe und verwitterten Kratzern treffen auf neue Regale, deren raue Schweißnähte bewusst erhalten wurden. Moderne Stuhlentwürfe wie Bold Chair von Moustache stehen neben Lignet Rosets Sofaklassiker Togo. Dazu gruppieren sich ein paar Acapulco Chairs, die mit ihren Wäscheleinen-Bespannungen die Brücke zu in Plastikbahnen gewickelten Vitra Plywood Chairs von Eames schlagen. Damit überzeichnen OPP den Nachhaltigkeitsgedanken, ohne aber die Klassiker zu demontieren. Ganz im Gegenteil: Ihre Silhouetten sind so ikonisch, dass die auch durch Folie oder unter Schaumbezügen noch wirken und so für Irritationsmomente sorgen.

LED im Rohbau


„Der Ökologie verpflichtet“ fühlen sich die Designer ebenso und nutzen moderne und energiesparende LED-Lichttechnik sogar in historischen Kronleuchtern oder in den blauen Rohren, die als Spotlights die Räume beleuchten. Klischees zu deklinieren, ist ihnen allerdings zu wenig. „Wir wollen Reststoffe elegant einsetzen“, erklärt Ajax Law. Elegant, das heißt bei OPP: konzeptkonform. Recyceltes und Gebrauchtes, das sich ganz selbstverständlich einfügt und herausputzt statt zu stören. In ihrem Studio bedienen sie sich dem Industriecharme des freigelegten Rohbaus. Die Böden und Wände wurden bis auf den Beton zurückgebaut, die Arbeitstische in ihrer Materialität abgestimmt. Es entsteht eine Atmosphäre des Halbfertigen und Provisorischen, die gleichzeitig aufgeräumt und edel wirkt. Eine Situation, die „der Kreativität viel Freiraum gibt“, finden die Designer.

Secret Spaces
Die unkonventionelle Sicht auf Dinge und Räume spiegelt auch die Organisation des Studios wieder. Der Meeting- und Präsentationsbereich befindet sich hinter der Bibliothek – im wortwörtlichen Sinne. Große, wandfüllende Stahlregale trennen den Arbeits- vom Loungebereich und erinnern an versteckte Labore aus Hollywoodfilmen. Wie Türen können sie zur Seite geschoben werden und beide Areale temporär zueinander öffnen. Dieser eigenwillige Themenspagat aus Querverweisen, Experiment und Innovation ist es, der auch das Award-Regal immer voller werden lässt. Der deutsche Red Dot steht dort, ebenso wie der iF,  Japans Good Design und seit letztem Jahr auch der Andrew Martin Interior Design Award, der als Oscar im Interieurbereich gilt und OPP als erstem asiatischem Büro verliehen wurde.

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