Richard Serra auf dem Dach

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Text: Julia Bluth
Foto: Maxime Brouillet / Francis Pelletier

Selten sind Bauwerke so kompromisslos wie in Fällen, in denen Architekten auch die Bauherren sind. In Montréal haben Marie-Claude Hamelin und Loukas Yiacouvakis von yh2 ihr Wohnhaus und Studio über einen Zeitraum von rund zwanzig Jahren realisiert. Entstanden ist ein Gegenentwurf zu herrschenden Wohnstandards.

Little Italy im Herzen von Montréal: Gerade Straßenraster, schmale Klinkergebäude, Feuertreppen. Mittendrin liegt das Wohn-Arbeits-Ensemble der Architekten Marie-Claude Hamelin und Loukas Yiacouvakis, das aus dem im Jahr 2000 errichteten ersten Baukörper Maison Tour und seinem erst kürzlich fertiggestellten Zwillingsgebäude Maison Atelier besteht. Die puristischen Neubauten mit ihren gelben Ziegelfassaden greifen den Materialkanon der historisch gewachsenen Gegend auf und fügen sich harmonisch in das Straßenbild ein.

Schwebende Verbindung
Im ersten Bauabschnitt hatten die Architekten ein in die Jahre gekommenes, flaches Eckgebäude zu einem zweistöckigen Wohnhaus ausgebaut. Der innenliegende, um einen alten Ahornbaum herum angelegte Hofgarten verband den offenen Koch-Essbereich im Erdgeschoss mit dem in einer ehemaligen Garage eingerichteten Arbeitsbereich. Im zweiten Bauabschnitt verwandelten die Planer das Studiogebäude in ein weiteres zweistöckiges Wohnhaus, das über eine Leichtbaustruktur mit dem ersten Gebäude verbunden ist. Der schwebende Baukörper aus patiniertem Stahl und Glas ist zwar auch als Zugeständnis an die Kommunalverwaltung zu verstehen, die zwei Bauwerke auf einem Grundstück nur genehmigt, wenn sie formal miteinander verbunden sind. In seiner geschickten Umsetzung bietet er jedoch eine deutliche Verbesserung der Wohnsituation, indem er zwei zusätzliche Räume schafft, ohne die Gartenfläche zu beschneiden.

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Distanz und Nähe
Das neue Maison Atelier verbindet Wohnen und Arbeiten – mit klarer Trennung der Nutzungen. Von der Straße aus gibt es zwei separate Eingänge, einer zum Büro der Architekten, der andere zum privaten Wohn- und Schlafbereich der Familie im ersten Obergeschoss. Der Treppenaufgang, bestehend aus einer Rohbetonwand mit filigraner Stahltreppe, verbindet das Erdgeschoss mit der Dachterrasse und lässt das Licht von oben in alle Etagen einfallen. Dabei dient die Betonwand als natürliche Barriere zwischen den Räumen, im Obergeschoss trennt sie den offenen Wohn- vom Kochbereich. Angesichts der intimen Hofsituation wurden die Wohnbereiche in beiden Gebäuden versetzt angelegt, um den Bewohnern ein Maximum an Privatsphäre zu ermöglichen.

Funktionale Schönheit
Sämtliche Einbaumöbel – Tische, Bücherregale, Büro-, Küchen- und Badezimmermöbel – sind Maßanfertigungen. Als Teil des architektonischen Ganzen spiegeln sie die hochwertige Materialpalette des Bauwerkes wider: Stahl, Mahagoniholz und weißer Marmor. So ergeben alle Nutzungsbereiche eine bestechend puristische Einheit. Gekrönt wird das Projekt von einer Dachterrasse mit keilförmigem Zugang aus Cortenstahl, der in seiner plakativen Form an die Skulpturen Richard Serras erinnert. Ihr Entwurf verkörpere ein zukunftsweisendes Wohnmodell, sind sich die Architekten einig. Er würde der hohen Wohndichte des modernen Städtebaus entsprechen und dennoch überdurchschnittlich viel Privatsphäre und Ruhe bieten. Eine urbane Oase inmitten der engen Bebauung.

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