Roh, rau, rustikal: Wien

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Text: Tanja Pabelick
Foto: Hans Schubert

Zimmer-Kuchl-Kabinett als Gästedomizil, Essig im Gschäftl und Email-Lavoirs im Bad: Den Standort Wien und die Geschichte seines Hauses trägt Neu-Hotelier Erwin Gegenbauer mit Stolz nach außen. In einer ehemaligen Essig-Produktionsstätte hat er Zimmer geschaffen, die dem abenteuerlustigen Reise-Nomaden mit nur einer einzigen Möbelskulptur alle notwendigen Funktionen zwischen gestapelten Kanthölzern bieten sollen.

Es war zum Jahrtausendwechsel, als der spanische Designer Martí Guixé sich selbst als Ex-Designer bezeichnete und sich fortan den einfachen Dingen rund um Leben, Küche und Essen widmete. Als einer der ersten an den grundlegenden Themen orientierten Gestalter wollte er ohne Einschränkung in allen Bereichen unserer Lebenswelt arbeiten. Seine und die Ideen anderer kreativer Pioniere haben Wurzeln geschlagen. Vom Home Gardening bis zum Industrieschick, vom traditionellen lokalen Handwerk bis zum rustikal-minimalistischen Landhausstil: Die Konzentration auf das Wesentliche und darüber hinaus gehört aktuell zum Design und zur europäischen Kultur wie Sojamilch zum Kaffee und Bienenkörbe zum Dachgarten.

Urbane Selbstversorger
Erwin Gegenbauer, Essigbrauer mit Bienenvolk, Kaffeerösterei, Ölmühle und Bierbrauerei, trifft als Unternehmer ohne Grenzen wohl den Grundgedanken eines Martí Guixé. Gegenbauer nennt es aber nicht Ex-Design, sondern Negativ-Design. Damit treibt er in seinem Wiener Stammhaus jetzt den rustikalen Minimalismus auf die Spitze. In fünf ehemaligen Zimmer-Kuchl-Kabinett-Wohnungen hat er Gästezimmer eingerichtet, deren einziges Möbel ein Stapel aus Vierkanthölzern ist. Am ehesten lässt sich die Konstruktion der prominentesten Aufgabe nach als Bett beschreiben, gleichzeitig bringt sie die Funktionen Sofa, Regal, Nachttisch, Schrank und Tisch unter. Oder was der Gast sonst noch hineinlesen will.

Konzentration aufs Handwerk
Weit entfernt hat sich Gegenbauer mit seinen vom Holz bestimmten Zimmern nicht von der Vergangenheit: Das Haus beherbergte einst eine Tischlerei. Die ausführenden Architekten Heribert Wolfmayer und Josef Saller, die sich wohl mit Augenzwinkern Heri und Salli nennen, legten im ersten Schritt die funktionale und ästhetische Substanz der Zimmer frei. Ziegelwände und Stahlträger kamen zum Vorschein – und wurden zur blanken Leinwand für rauhes Holz und karge Strukturen. Die eingebaute Infrastruktur wie Verkabelungen, Rohre, Ketten oder Seile wurden nicht versteckt, sondern prominent installiert. Technische Verführungen sucht der Gast vergebens.

Schichtholz-Skulptur
Zentrales Element ist ein lückenhafter Quader aus Lärchenholz, versetzt gestapelt und mit Auskragungen versehen, die Bücher, Reiseutensilien oder Kleidung aufnehmen. Ihre Kantholz-Struktur tauften die Architekten „Wiener Gästebett“. Als Zentrum des Raumes braucht es neben diesem Möbel keine weitere Einrichtung – wahrscheinlich bräuchte das Möbel nicht mal den Raum, finden die Architekten: „Er ist nur noch Rahmen und Begrenzung seiner selbst, wir würden diese eigentlich gar nicht mehr benötigen“. Die bewusst inszenierte Einfachheit wird durch feine Bettwäsche und Handtücher und selbstgesiedete Seife ergänzt – und findet so die Schnittstelle zwischen Klarheit und Luxus.

Anachronistische Moderne
Der Stil der Zimmer spiegelt sich auch in der Einrichtung und Ergonomie der Badezimmer: Die Rohre laufen offen, die hohen Spiegel lehnen an der Wand und die simplen Waschbecken, die händisch entleert werden müssen, sind in die Flächen aus gereihten Holzbalken eingelassen. Die Installation folgt dabei der Sequenz eines Besuches und der Bedienabläufe. „Hygiene für Nomaden“ sei das, befindet das Planer-Duo doppeldeutig. Denn gereinigt haben sie die Architektur auch von weltlichem Tinnef, während sie sich auf die zentralen Annehmlichkeiten beschränken. Das vor Ort gebraute Bier, Honig vom Dach und frisches Brot vom Hausherrn tun ihr Übriges.

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