Rostrotes Raster

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Text: Stella Hempel
Foto: Derek Swalwell

Dieses Einfamilienhaus in Melbourne zieht mit seiner markanten Fassade alle Blicke auf sich. In ihrer Heimatstadt haben die Architekten des australischen Büros Kennedy Nolan einen viktorianischen Altbau mit einem modernen Anbau verschmelzen lassen und in das neue Zuhause einer vierköpfigen Familie verwandelt. Das großzügige Wohnhaus wartet innen und außen mit allerlei Überraschungen auf.

Der Name täuscht: Wer bei dem Projekt namens Oak Tree House spontan an ein Baumhaus oder an eine Eichenfassade denkt, ist gewissermaßen auf dem Holzweg. Stattdessen setzen die Architekten auf Sichtbeton, kombiniert mit rostrotem Stahl und terrakottafarbenen Fliesen. Bei dem Neubau von Kennedy Nolan in Melbourne trifft brutalistische Ästhetik auf eine filigranere, rasterförmige Variante des Brisesoleil. Dieser „Sonnenbrecher“ – ein feststehender, auskragender Sonnenschutz – erinnert an zeitgenössische Office-Architektur und lässt hinter der Fassade eher eine Bürolandschaft vermuten als ein Familienheim. Darüber hinaus hat das Containerhafen-Rostrot in Verbindung mit dem großen Bullaugenfenster und der schweren Ankerkette, die der Dachentwässerung dient, eine maritime Anmutung. Beim Betrachten der Fassade kommt die Schiffsmetaphorik eines Le Corbusier in den Sinn.

Im Schatten der Eiche
Blickt man aus dem Hausinneren durch das Bullauge, so sieht man die namengebende Eiche. Der alte Baum überragt den Neubau und spendet im Garten Schatten. Im Rahmen ihres Projekts Oak Tree House haben die Architekten des in Melbourne ansässigen Büros Kennedy Nolan das viktorianische Wohnhaus, das sich auf dem Grundstück befand, instandgesetzt, behutsam umgebaut und mit dem neu entworfenen Gebäude verbunden. Altbau und Neubau bilden einen Innenhof, der – ebenso wie die Gärten vor und hinter dem Haus und das begrünte Dach – von der Landschaftsarchitektin Amanda Oliver gestaltet wurde.

Fenster zum Hof
Im Erdgeschoss des insgesamt rund 350 Quadratmeter großen Hauses finden neben dem Elternschlafzimmer mit angrenzendem Bad auch ein Arbeitszimmer, zwei Wohnzimmer und die offene Küche mit Essbereich Platz. In der oberen Etage, die durch den rostroten Brisesoleil vor Sonneneinstrahlung und neugierigen Blicken geschützt ist, sind zwei Kinderzimmer untergebracht. Alle Gemeinschaftsräume der Familie gruppieren sich um den Innenhof und werden – dank bodentiefer Fenster und Schiebetüren – mit natürlichem Licht geflutet. „Hier fühlen sich die Familienmitglieder immer nah, auch wenn sie sich gerade in verschiedenen Räumen aufhalten“, erläutern die Architekten die besondere Anordnung der Räume, die Sichtbeziehungen quer über den Hof ermöglicht.

Terrazzo & Terrakotta
Der ganzheitliche Gestaltungsansatz von Kennedy Nolan verbindet Architektur und Interieur. Quadratische Fliesen schmücken nicht nur die Außenfassade, sondern sind auch im Inneren des Hauses zu entdecken. Dabei heben sich die schwarzen Fliesenwände der Küche deutlich von den terrakottafarbenen Wandfliesen im Ess- und Wohnbereich ab und unterstützen somit die Zonierung. Materialien wie Terrazzo und Naturstein werden mit warmen Holzoberflächen und kühler Sichtbetonoptik kombiniert. Industrial Style trifft auf Möbel, die mit ihren bunten Farben und elementaren Formen die Entwürfe der Memphis-Designer in Erinnerung rufen. „Unsere Auftraggeber können sich für Farbe begeistern“, berichten die Architekten, aus deren Feder das Sideboard mit knallig blauem Geometriemuster stammt. Im Bad sorgen dagegen Sandtöne, Naturmaterialien und puristische Möblierung für Zen-Atmosphäre. Aus den diversen Materialien und Stilrichtungen des Interieurs ergibt sich ein überraschend harmonisches Gesamtbild.

Geometrie verbindet
Zu den wiederkehrenden Elementen im Oak Tree House zählen neben den quadratischen Fliesenmustern auch geometrische Formen wie Kreise, Dreiecke und Kegel. Vom runden Fenster des Neubaus über die konischen Leuchten im Esszimmer setzt sich die Geometriestunde in der maßgeschneiderten Eingangstür für das Bestandsgebäude mit Dreieck- und Kreissymbolen fort. Laut den Architekten verstehen sich diese Elemente bestens mit der formalen Strenge der viktorianischen Architektur. Farben und Materialien stärken ebenfalls die Verbindung zwischen den unterschiedlichen Gebäudeteilen. Der rostfarbene Stahl, der für den Brisesoleil, die Fensterrahmen und die Geometriedesign-Haustür verwendet wurde, zieht sich als roter Faden durch die gesamte Architektur.

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