Sakraler Minimalismus

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Text: Tanja Pabelick

Ein Büro in Kiew setzt auf Mitarbeitermanagement durch intelligente Raumorganisation. Um Zerstreuung und Prokrastination entgegen zu wirken, haben die Architekten vom ukrainischen Studio Sivak+Partners den Stauraum hinter Blenden versteckt, die Architektur der klaren Linie untergeordnet und mit Glas, Stahl und Marmor Materialien eingesetzt, die kühle Strenge vermitteln.

Inspirieren ließen sich die Designer des Büros Sivak+Partners, das Niederlassungen in Kiew und Odessa hat, von einem Buch. „Ruthless Management“ wurde von Dan Kennedy verfasst, einem Guru für die Unternehmensführung, der Arbeitgebern den Weg zu mehr Effizienz und Produktivität weisen will. Übertragen auf die Räume des Büros einer Investmentgesellschaft hieß das für das Gestalterteam: Ablenkungen ausschließen. Das Interieur ist darauf ausgelegt, die Mitarbeiter nicht zur Verschwendung ihrer Zeit zu verleiten und die Räume wurden so organisiert, dass Leerlauf vermieden wird.

Die Architektur als Pädagoge
Die Voraussetzungen kommen den Designern entgegen. Das Büro ist mit überschaubarer Grundfläche und einem Dutzend Arbeitsplätzen an sich schon kein Ort zum Verlaufen. Daneben wurden die Plätze, die traditionell für Flurfunk und Kaffeeklatsch genutzt werden, bescheiden gehalten. Die Küche ist nicht zum Kochen gemacht – ihr fehlt dafür allein schon der Herd – sondern lädt mit Barhockern und Marmortresen zu informellen Meetings ein. Das Spülbecken ist ohne Übergänge direkt in die Arbeitsplatte integriert, Gläser und Tassen verschwinden hinter flächenbündig in die Wand eingelassenen Fronten. Der Raum ist bis ins letzte Detail dem konsequenten Minimalismus verpflichtet: Es gibt keine Schrankgriffe, keine Dekoration, keine indirekten Lichtquellen. Über dem Tisch schwebt eine schlanke Lichtleiste, rahmenloses Glas trennt die Küche vom Büro, und deckenhoher Marmor sorgt für eine fast sakrale Atmosphäre.

Ätherisch in Marmor
Wer seinen Kaffee etwas gemütlicher trinken will, kann sich einen Raum weiter begeben. Hier liegt eine kleine Lounge, die sogar Platz für Bücher lässt. Drei niedrige Sessel erlauben den Kollegen oder den Besuchern, sich auch mal bodennah niederzulassen und kurzfristig zurückzuziehen. Sichtbar bleiben die Mitarbeiter allerdings dennoch: Alle Funktionsbereiche, wie Küche, Lounge und Konferenzraum, sind nur durch Glaswände voneinander getrennt. Der größte Raum ist als offener Arbeitsraum gestaltet. Hier dominieren als Kontrast zur rotbraunen Küche grüne Nuancen, die Ausstattung ist allerdings ebenso reduziert und ätherisch. Es rollt kein Schubladenschrank, an den Schreibaltaren klemmen keine individuellen Arbeitsplatzleuchten. Selbst im Badezimmer werden die Mitarbeiter noch ermahnt, wobei wir selbstverständlich ein Augenzwinkern unterstellen. Auf einem kleinen Spiegel in der Nähe des Waschbeckens werden die Besucher daran erinnert, nicht zu lange hinein zu schauen. Es gibt noch einiges zu tun.

Porträt: Dmitriy Sivak (links) und Alexey Gulesha (rechts)

Interview mit dem Chefdesigner des Projektes Alexey Gulesha, Projektleiter bei Sivak+Partners.


Wie bist du zu Sivak+Partners gekommen – und wo hast du gelernt, was du als Designer und Unternehmer brauchst? Während meines Studiums in Odessa wurde mir beigebracht, wie man digital dreidimensionale Räume baut und in Szene setzt. Dann tauchte Pinterest auf, und für mich öffnete sich eine neue Welt: „So also machen andere Skizzen!“ Ich habe verstanden, dass ich mehr lernen möchte – und in den folgenden drei Jahren habe ich in drei unterschiedlichen Studios gearbeitet, um so viel Erfahrung wie möglich zu sammeln. 2012 hat mich dann Dmitriy Sivak gefragt, ob ich mit ihm arbeiten will. Heute haben wir bereits zwei Büros und viele großartige Projekte und Konzepte.

Wie würdest du das ukrainische Design charakterisieren? Ich denke, dass es für die Szene ziemlich gut läuft. Wir haben tolle Künstler – und vielleicht sogar zu viele Architekten in der Ukraine. Das Verhältnis von Auftraggebern zu Architekten macht den Markt kompetitiv und komplex. Aber das ist auch der Grund, warum das ukrainische Design in den letzten sieben Jahren schnell erfolgreich und international beachtet wurde.

Was ist typisch ukrainisch – und hat die Kultur einen Einfluss auf eure Arbeit? 
Ich denke, als Land haben wir in den letzten 100 Jahren viele Symbole unserer nationalen Identität verloren. Aber zuletzt hat sich jede Menge getan. Viele Musiker und Designer, die in den letzten Jahren aufgetaucht sind, wollen unsere Identität wiederbeleben, indem sie mit nationalen Motiven und Techniken arbeiten. Ich selbst sehe mich als Kosmopolit und finde Inspiration in der Popkultur und in den Arbeiten internationaler Künstler.

Was macht Kiew und die Ukraine derzeit so spannend? Ich bin gar nicht mal so enthusiastisch in Bezug auf Kiew. Aber die Ukraine ist meiner Meinung nach ein Land, das sich sehr schnell entwickelt und auch die Ressourcen dazu hat. Ich finde es sehr spannend, Teil dieses Prozesses zu sein.

Wie ist es, als Designer in der Ukraine zu arbeiten? Die Menschen in der Ukraine müssen alle Bereiche ihres Lebens verbessern. Und da es nicht sehr schwierig, ein Held in jemandes Leben zu werden, man macht einfach alles besser als vorher. Das ist für mich der wichtigste Grund, hier zu wohnen und nicht in ein anderes Land zu ziehen. Hier kann ich etwas bewegen.

Wessen Arbeit bewunderst du – und warum? Oh, es gibt viele gute Künstler und Designer, von denen ich lerne, beispielsweise Oscar Niemeyer, Ricardo Bofill, Dieter Rams, Alvaro Siza, John Lautner, John Pawson oder Peter Zumthor. Zeitgenössisch Idole sind Kelly Wearstler, Vincent Van Duysen, Patricia Urquiola, James Turrell oder Axel Vervoordt. Aber: Der moderne Minimalismus ermüdet mich mittlerweile, und und ich schaue mich öfter bei der Retro-Architektur und dem Interieur der Siebziger- und Achtzigerjahre um. Dort finden sich viele gute Ideen und Techniken. Ich glaube, der Kreislauf des Weltdesigns schließt sich gerade – und die Trends der Achtziger kehren zurück.

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