Sanfte Grenzüberschreitung

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Text: Nina C. Müller
Foto: Luis Diaz

Ein Blick in das Portfolio von i.s.m. architecten aus Antwerpen erzeugt eindeutige Assoziationen: Ihre Architekturen erscheinen wie Raum gewordene Bauhaus-Gemälde – die monochromen Flächen, die geometrischen Formen und die schwarzen Linien von Malern wie Piet Mondrian, László Moholy-Nagy oder Josef Albers. In diesem Wohnungsumbau überraschen Wim Van der Vurst und Koen Pauwels mit changierenden Farben, grafischen Räumen und einem beinahe unsichtbaren Regal.


„Die Bauherrin, die in der belgischen Stadt Löwen lebt, ist meine eigene Mutter“, berichtet Architekt Van der Vurst. „Sie wünschte sich ein geräumiges Apartment, das den Raum möglichst sinnvoll nutzt, aber gleichzeitig – für den Fall, dass sie Gäste bei sich empfängt – ein gewisses Maß an Privatsphäre ausstrahlt“.

Auf Linie gebracht
So schufen die Planer für das Apartment in einem markant terrassierten Nachkriegswohnkomplex zunächst einen vereinfachten, offenen Grundriss, der auf unnötige Nischen, Abtrennungen und verschachtelte Strukturen vollständig verzichtet. Um den Wohnraum dennoch anpassungsfähig zu gestalten, machten sie Gebrauch von einem Konzept, das sie als „sanfte Grenzen“ beschreiben. Statt gewöhnlicher Türen und Trennwände, integrierten die Planer Glas- und Schiebetüren, welche Flur, Küche, Wohnraum, Schlafzimmer, Büro und Bäder einerseits deutlich voneinander separieren, andererseits aber auch visuelle Verbindungen herstellen. Eine besondere Lösung fanden sie im Zentrum der Wohnung. An einem Durchbruch zwischen zwei Räumen kommt hier ein schwenkbares Regal zum Einsatz, das als Stauraum und Tür funktioniert und damit sonst ungenutzte Fläche sinnvoll nutzt.

Transparent getrennt
Aus perforiertem Metall hergestellt, erscheint dieser eigens entworfene Raumteiler eher wie ein halbtransparenter, zarter Vorhang, der gewisse Blickbeziehungen zwischen Küche und Wohnzimmer zulässt. „Unsere Absicht war es, diesem sonst oft so klobigen Möbelstück die Schwere zu nehmen“, berichten die Architekten Pauwels und Van der Vurst. Und tatsächlich verleiht die Konstruktion dem Raum ein Gefühl von Leichtigkeit und Frische. Hier kann die Bauherrin mit dem Arrangement von Büchern und Objekten selbst darüber bestimmen, welches Maß an Durchsichtigkeit ihr Regal gewähren soll.

Nichts als Nuancen

Darüber hinaus spielte die Farbgestaltung eine wichtige Rolle im Umbauprozess – nicht jedoch im herkömmlichen Sinne: Während die beiden Planer etwa in der Küche auf starke Schwarz-Weiß-Kontraste setzten, gingen sie im Rest des Interieurs eher subtil vor: „Wir nutzen Farben, um Akzente zu setzen“, so die Architekten. Während die eigentlichen Wände meist weiß blieben, wurden lediglich Laibungen und Rücksprünge mit Farbe betont. So verwendeten sie im Schlafzimmer ein zartes Gelb. Im Bad kam ein leichtes Rosa in der Dusche und im Büro ein Blaugrauton zum Einsatz, der das vor der Wand stehende Sofa in Szene setzen soll. Lediglich im Bereich der Toilettentür gingen sie mit einem vollflächig leuchtenden Zitronengelb gewagter vor. „Die Idee, dass man Töne erst entdecken muss – etwa beim Öffnen einer Tür – gefällt uns sehr“, kommentiert das Duo seine ungewöhnlichen Griffe.

Frische Minze

Im Wohnbereich hingegen nutzten sie ein dezentes Mintgrün, das sich auch rund um das zentrale Regal wiederfindet. Das Faszinierende dieser zarten Pastelltöne sei, dass sie – je nach Lichteinfall – kaum noch sichtbar wären, fast also farblos erscheinen, berichten die Belgier. So sorgen Fenster, Beleuchtung und Schatten für ganz unterschiedliche Schattierungen und ein poetisches Spiel aus Farbnuancen. Das helle Eichenparkett im Wohnbereich fügt sich elegant in das Gesamtbild ein. Lediglich einige dunkle Möbelstücke, Kunstwerke und bedacht ausgesuchte Accessoires dienen dabei als markante Statements.

Dem ein oder anderen mag das Projekt zu leer, etwas kühl oder gar nüchtern erscheinen. Immerhin ist die gesamte Einrichtung ja recht bewusst und selektiv gewählt. Gerade diese Reduktion auf diese wenigen Details macht den Reiz des belgischen Apartments jedoch aus, in dem bewusst das Licht den (Farb-)Ton angibt.

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