Schauspielschule Ernst Busch: Grosses Theater

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Text: Jeanette Kunsmann
Foto: Schnepp Renou, Manfred Ortner

Choreografie, Regie, Schauspiel und Puppenspielkunst: Alle Studierenden der Berliner Schauspielschule Ernst Busch proben seit diesem Herbst an ihrem neuen Zentralstandort. „Das Unfertige planen“ betiteln die Architekten von O&O Baukunst die Projektbroschüre. Ihr Umgang mit dem Bestand ist radikal, konsequent und mutig, aber auch budgetsparend. Form und Inhalt, Architektur und Schauspiel verkörpern hier, auf dem Eckgrundstück zwischen Chaussee- und Zinnowitzer Straße unweit des BND, Berlin, wie es mal war, wie es ist und wie es bitte sehr in Zukunft auch bleiben soll.

Dass ein Artikel über Architektur mit Günther Jauch beginnt, und dennoch ein ausgesprochen gutes Ende nehmen wird: Wer rechnet schon damit? Dann kommt auch noch Klaus Wowereit ins Spiel … Auch die Autorin wundert sich. Nostalgie breitet sich aus. „Arm, aber sexy“:  Immerhin hat der schillernde Bürgermeister mit seinen drei Worten doch irgendwie dazu beigetragen, das Image einer jungen, wiedervereinten Hauptstadt international auf Hochglanz zu polieren. Klaus Wowereit, zu dieser Zeit gerade noch im Amt, hatte sich 2012/13 nämlich sehr geärgert. Grund dafür war ein Auftritt von Schauspielschülern in einer Fernsehshow von – und jetzt schließt sich der Kreis – Günther Jauch. Womit dieser nun sein architektonisches Wirken als Bauherr des wiederaufgebauten Potsdamer Stadtschlosses unfreiwillig ausgeweitet hat. Denn ohne die plötzliche und ungeplante Unterbrechung seiner Sendung (der sogenannte „Jauch-Eklat“) würde die Ernst-Busch-Schauspielschule heute vermutlich nicht in ihrem Ensemble an der Zinnowitzer Straße sitzen. Wobei die Inszenierung weniger auf Applaus abzielte, sondern für die notwendige Aufmerksamkeit sorgen sollte. Die Schauspielschüler kämpften um das ihnen versprochene Gebäude, hatten dabei prominente Unterstützer und der Hochschule Verbundende wie Nina Hoss, Fritzi Haberlandt  und Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier, aber auch Politiker der Opposition an ihrer Seite. Es war ein leidenschaftlicher Protest für die Architektur. Wann gibt es das heute noch?

Foto links: Schnepp Renou; Foto rechts: Manfred Ortner.

Szenenwechsel. Fünf Jahre später. Besuch vor Ort. Projektarchitekt Roland Duda führt mit einem stolzen Lächeln durch das Haus, er grüßt im Vorbeigehen, bekommt ein anerkennendes Hi, Hallo und Guten Tag zurück. Jeder in der Hochschule kennt den Architekten, seine Arbeit wird geschätzt. Nachdem das Büro O&O Baukunst 2011 den vom Senat ausgelobten Wettbewerb für sich entscheiden konnte, folgte ein Jahr später der Projektstopp. Natürlich ging es damals – wie sonst auch – allein um die Finanzierung. Die Baukosten würden zwei Millionen über dem Budget von 33 Millionen Euro liegen, so die Sorge, wobei es doch gerade in der Hauptstadt wesentlich kostspieligere Dauerbaustellen gab und gibt. Man rechnete sich außerdem aus, dass die Sanierung der vier (in und außerhalb der Stadt verteilten) Standorte bestimmt um die zehn Millionen Euro günstiger sein würde als der Umbau der ehemaligen Opernwerkstätten an der Zinnowitzer Straße. Dank Günther Jauch (verkürzt gesagt) blieb das allen Beteiligten erspart.

2013 geht es endlich weiter. Dennoch bilden die Kosten ein enges Korsett, von dem sich eine gute Kreativleistung natürlich niemals beeinflussen lässt. Im Gegenteil. „Eine gewisse Begrenzung tut auch gut“, erklärt auch Roland Duda. Er arbeitet seit 1996 bei O&O, führt das Büro seit 2011 als einer von sechs Partnern und ist mit allen Wassern gewaschen. Das Planungsteam spart deshalb an verschiedenen Stellen, was der Architekt mit dem trickreichen Euphemismus „das Budget verdichten“ beschreibt. Wir stehen im Flur. Er legt beide Handflächen mit Abstand übereinander und schiebt die obere langsam der unteren entgegen. Wieder ein Lächeln und der kurze Blick nach oben. Ab einer Höhe von 2,30 Metern ist nicht nur der Bestand unbehandelt geblieben, auch neue Elemente wie die Gipskartonplatten haben O&O konsequent im Rohzustand gelassen. So entsteht ein durchlaufender Horizont in den Fluren, der die Hochschule in zwei Hälften teilt: unten Bildung und Kultur, oben Baustelle. Dasselbe funktioniert ja auch bei der Stadt: Wäre der Himmel über Berlin derzeit nicht so grau, erschiene die Stadt auch nicht so bunt.

Die Hälfte als Baustelle zu belassen (überspitzt gesagt), wäre als Konzept in einer Grundschule sicher nicht denkbar gewesen, gibt Duda zu bedenken. Zur Ernst-Busch-Schule hingegen passt diese ungewöhnliche Ansage. Die gesamte Materialsprache – von dem mit unbehandelten Lärchenholzbrettern verkleideten Bühnenturm (die „Bretter, die die Welt bedeuten“), den Polycarbonat-Elementen der Fassade und dem gesäuberten und mit einem Schutz lasierten „Beton brut“ früher Tage, dem Tafellack auf den Wänden – erzeugt ein stimmiges Bild, ohne dabei zu viel zu versprechen. Dieses Gebäude ist wie ein sehr kluges Provisorium, das von innen noch stärker zu Berlin passt, als von außen.

Das dreiteilige Ensemble setzt sich aus dem Altbau der ehemaligen Opernwerkstätten, dem Bühnenturm und der gläsernen Schachtel des Theatercafés zusammen. Skizze: Manfred Ortner / O&O Baukunst.

Das Ergebnis erinnert mit seiner gesamten Atmosphäre an den Pariser Ausstellungsort Palais de Tokyo, der 2000 und 2012 von Lacaton & Vassal umgebaut und weitergedacht wurde. Auch das Team von Roland Duda beweist ein feines Gespür für die hohen Räume, scheut sich aber nicht vor Entscheidungen, die anderen Architekten sicherlich schlaflose Nächte bereitet hätten. Möglich ist dieser fast freche Umgang nur durch die hochwertige Ausführung der Details, die den robusten offenen Charakter der Hochschule auffängt.

Aber wo steht sie überhaupt? Hinter dem Titanic Hotel, nur ein paar Schritte vom streng gerasterten Bundesnachrichtendienst (Kleihues + Kleihues) und der verkrampften Sapphire-Skulptur (Daniel Libeskind) entfernt, zwischen neuen Luxuswohnungsbauten in einem charmelosen Gewand, das man früher als Platte bezeichnet hätte. Es ist ein Quartier, das Investoren komplett neu erfinden wollen. Die Frage, wem die Stadt gehört, steht während der Eröffnung der Schule Ende Oktober nicht aus purem Zufall im Raum – pardon: auf der Bühne. Und umso schöner ist es zu sehen, wie es der Ernst-Busch-Schauspielschule im großen Maßstab auf diesem versteckten Grundstück gelingt, als Freak gleichermaßen Ruhe und Leben in dieses Viertel zu bringen. Robust, offen und provisorisch.

Als Roland Duda die Treppe –  eine instagramtaugliche Betonskulptur, die im Übrigen als zweiter Fluchtweg dient, aber gar nicht danach aussieht – hinuntergeht, zeigt er noch auf den Keller und erinnert sich an das große Eröffnungsfest. Voll sei es gewesen, alle wollten dabei sein. Die Studierenden haben ihr Haus in einen Club verwandelt, der in den Kellerräumen sein Epizentrum hatte. Alles nur für einen Abend. Die Nacht verfliegt.

Wir sind ja in Berlin. 

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