Schein im Schacht

19

Text: Jana Herrmann
Foto: Hendrik Biegs

Kubische Formen, viel Beton und eine kluge Lichtinszenierung inmitten von waldartiger Natur: Das aktuelle Projekt von Wave Architecture, die Familienvilla House BT, fällt mit Extravaganz und Großzügigkeit auf. Vor allem aber gelingt die Koexistenz mit den schönen, aber lichtraubenden Bäumen im Garten.

Schon lange, bevor sie sich zum Hausbau entschlossen haben, interessierten sich die Auftraggeber für die Arbeit der Innenarchitekten Claire Bataille und Paul Ibens. Die beiden hatten 1968 in Brüssel ihr Büro Bataille & Ibens Design eröffnet, bekannt für Minimalismus. Bataille & Ibens fusionierten vor ein paar Jahren mit dem jungen Architekturbüro Wave, ausgestattet mit demselben Gefühl für Perspektive, Licht, Proportionen und Details. Genau in diesem Stil sollte auch das neue Zuhause der vierköpfigen Familie am Stadtrand von Brüssel entstehen. Ein zeitgenössisches Gesamtbild wurde gewünscht, mit einem räumlich getrennten Kinder- und Elterntrakt und viel Tageslicht. Für alle weiteren Details ließen die kunstbegeisterten Bauherren dem Architektenteam freie Hand.

Der Sonne entgegen
Herausfordernd war in erster Linie die Beschaffenheit des Baugrundstücks, mit relativ kleiner Grundfläche und sehr hohen Bäumen. Um das Tageslicht trotzdem optimal zu nutzen, entwarfen Wave zwei eigenständige, mit einem Gang verbundene Wohntrakte in Sichtbeton: Wohnraum, Küche und Kinderzimmer doppelgeschossig auf der einen und der eingeschossige Elternbereich auf der anderen Seite. Dazwischen liegt ein Innenhof mit Wasserbecken. So entstand ein Grundriss mit viel Außenbezug.

Großzügige Wohnvolumen
Hauptachse der architektonischen Problemlösung ist der vollständig verglaste Gang, der mit seiner zentralen Position zwischen beiden Trakten das Tageslicht großzügig verteilt. Doch auch bei den beiden Wohnvolumen selbst achteten die Belgier darauf, möglichst viel Licht hereinzulassen. Die Treppe beispielsweise, die Wohnbereich und Kinderzimmer im Obergeschoss verbindet, leitet dank Oberlicht reichlich Morgensonne nach unten. Die beiden Kinderzimmer mit ihren Bädern wiederum profitieren von raumhohen Fenstern und einem Balkon davor. Auch das Elternschlafzimmer im anderen Hausteil genießt mit großzügiger Verglasung Ausblicke in den Garten und viel Licht.

Abwechslungsreiches Kontrastprogramm
Genauso viel Augenmerk wie auf das Spiel mit Tageslicht legten die Architekten auf den Einsatz von Kunstlicht. Markante Lichtbänder aus in die Betondecke eingelassenen Neonröhren durchziehen das Haus. Auch sonst wurde im Interior natürlich nichts dem Zufall überlassen. Hölzerne Verkleidungen in der Küche schaffen angenehme Kontraste zu dem nackten Beton und den weißen Wänden. Genauso wie außen, wo der Beton gegensätzliche Verbindungen mit dem üppigen Grün des Gartens eingeht. „Wir wollten einfach ein ganz anderes Material als die üblichen Backsteine benutzen, die man überall sieht“, erklärt Architekt Paul Ibens die Sichtbetonfassade.

Coole Extravaganz
Ganz anders als bei klassischen Familienvillen wurden beim House BT auch Gartenanlage, Möbel und Einrichtungsgegenstände konzipiert: Streng, kühl, unaufgeregt und dennoch extravagant wirken sie. So wie das Projekt in seiner Gesamtheit, das mehr einem zeitgenössischen Stillleben als einem gemütlichen Familiennest ähnelt. Vor allem trägt es jedoch die typische Handschrift von Claire Bataille und Paul Ibens, die die beiden mittlerweile Endsiebziger zu immer zeitgemäßen Architekten macht.

Alle Beiträge im Special zur Light + Building 2016: Bitte hier klicken


Weitere Artikel 13 - 23 von 23 Versteckt zwischen Meer und Sand Shoppen in der Unterwelt Unbekanntes Raumobjekt Gezeichnete Lichtarchitektur Licht macht Raum Kristallbrunnen statt Gelbwesten Minimal Rustikal: <br />
La Maison Gauthier Tanzender Monolith von Marte.Marte Wege des Lichts: <br />
Apartment in Den Haag Provisorisches im Dauerhaften Silberne Wolke im Theaterhimmel

Das Online-Magazin für Designprofessionals und Enthusiasten.