Schildkrötenlegenden

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Text: Katharina Horstmann
Foto: Shin Suzuki


Panzerartige Suiten, eingerahmte Bäder und eine märchenhafte Umgebung: Das Hotel Kameya im japanischen Tsuruoka hat einiges zu bieten. Unter der Leitung des Architekten Yasutaka Yoshimura wurde erst kürzlich die oberste Etage renoviert. Sie versetzt die Gäste in einen nahezu schwebenden Zustand und lässt sie von Schildkröten und ihrer sagenumwobenen Unsterblichkeit träumen.
 
 
Laut einer japanischen Legende verkörpern Schildkröten Treue, Zuverlässigkeit und ein langes Leben. Der Legende zufolge verbarg ein Samurai seine Wertsachen in einer Schatulle, bevor er für seinen König in den Krieg zog. Auf die Kassette setzte er eine Schildkröte, die bis zu seiner Rückkehr über seinen Besitz wachen sollte. Doch er kam nie zurück – und die Schildkröte blieb sitzen. Im Laufe der Jahre wuchs ihr ein langer Bart, der zum Beweis für ihre Treue und Zuverlässigkeit wurde und sie zum Symbol eben dieser Attribute machte.
 
Kuriose Inspirationen
 
Auf dem Horai-san, einem heiligen Berg an der Nordwestküste Japans, soll ebenfalls eine Schildkröte gelebt haben. Sie diente dem benachbarten Hotel Kameya als Namensgeber und Inspirationsquelle für die Neugestaltung einer seiner Suiten. Das Hotel ist ein großer, altmodischer Bau mit ebenso altmodischen Zimmern – eine Ausnahme gibt es jedoch: die oberste Etage. Diese wurde kürzlich nach Plänen von Studenten der Tohoku University of Arts & Design aus Yamagata sowie dem Architekten Yasutaka Yoshimura renoviert.
 
Schlafen in den Wolken – oder in einem Panzer
 
Erstere waren für die Neugestaltung der Suite Hourai 1111 zuständig und nutzten die Geschichte des Bergs für ihr Entwurfskonzept. Mittelpunkt ist ein großer Raum, der mit Zypressenholz verschalt ist. Die Verkleidung zieht sich an den Wänden entlang und wölbt sich – einem Berg oder dem Panzer einer Schildkröte ähnlich – an der Decke. Dabei formt sie Fensterbänke, Sitzbänke, Konsolen, eine erhobene Plattform an der Fensterseite sowie Gestelle für drei Doppelbetten an der Innenseite des Zimmers. Letztere sind die Kernstücke des Raums. Sie wenden sich der großen Fensterfront zu, so dass die liegenden Gäste nicht nur eine herrliche Aussicht auf den Horizont, das Meer und den Hourai-san haben, sondern das Gefühl aufkommt, in den Wolken oberhalb des Bergs zu liegen.
 
Tunnelartige Erscheinung
 
Von den Betten aus gesehen gibt es an beiden Längsseiten des Zimmers eine Türöffnung. Die rechte führt in den Eingangsbereich, in dem sich ein kleines Studio befindet; die linke zum WC sowie den Dusch- und Waschräumen. Sie sind ganz in Schwarz gehalten und stehen im Kontrast zum hellen Hauptraum. Ähnlich wie die Betten sind auch sie ganz zu den Fenstern ausgerichtet. Herzstück ist hier eine quadratische Badewanne aus hellem Naturstein, die mit dem Schwarz des Raums kontrastiert. Sie steht direkt vor einer großen Fensteröffnung, die den Raum plötzlich wie ins Nichts „abbrechen“ lässt und ihm etwas Übernatürliches verleiht.
 
Gerahmtes Badezimmer
 
Die anderen Räume in der oberen Etage wurden von Yasutaka Yoshimura entworfen. Auch sie sind zum Wasser ausgerichtet, folgen jedoch einer Formensprache, die die japanische Tradition mit westlichen Einflüssen verbindet: Wände, Decken und Böden haben rechteckige Winkel und sind geweißt oder mit Holz verkleidet. An der langen Fensterfront entlang ist eine hölzerne Fensterbank angebracht, die dank ihrer Tiefe als Tisch dient.

Im Zimmerinneren steht ein großes Futon-Doppelbett. Dahinter befindet sich eine kleine Öffnung, durch die man in das Badezimmer blicken kann. Wie schon in der Suite steht auch hier das Bad im Kontrast zum restlichen Raum: Es ist ganz in Schwarz gefliest, nur die quadratische, aus hellem Naturstein geformte Badewanne sticht hervor. Und auch von hier aus bietet sich dieser wunderbare Blick auf den Horizont, zwar nicht aus einer Art Schildkrötenpanzer oder in den tiefen Abgrund blickend, aber wie gerahmt aus einem Fenster.

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