Schmetterlingseffekt

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Text: Jana Herrmann
Foto: Eric Laignel

Mitten auf der prachtvollen Place Vendôme richtete das angesagte Designerduo Patrick Jouin und Sanjit Manku die neueste Boutique eines traditionellen französischen Juwelierhauses ein: mit einer Prise Extravaganz und einer scheinbar schwebenden Treppe.

Als einer der fünf königlichen Plätze von Paris steht die Place Vendôme auch für die Königsklasse der Juwelierskunst. Wie in einer viereckigen Schmuckschatulle reihen sich hier weltberühmte Bijouterien und Uhrenhersteller aneinander. Hier schmückt sich die Crème de la Crème für ihre großen Auftritte.

Macht und Pracht
Auch das französische Traditionshaus Van Cleef & Arpels eröffnete 1906 im Haus Nummer 22 sein erstes Geschäft, das schon kurze Zeit später auf die danebenliegende Nummer 24 erweitert wurde und bis heute der internationale Flagshipstore der Edelmarke ist. Anlässlich seines 100-jährigen Bestehens hisste Van Cleef & Arpels nun auch in Haus Nummer 20 seine Flagge. Seit wenigen Wochen wird hier auf zwei Ebenen eine exquisite Auswahl aus allen Kollektionen der Firmengeschichte gezeigt. Für die Gestaltung der insgesamt 280 Quadratmeter beauftragten Van Cleef & Arpels das Gestalterduo Patrick Jouin und Sanjit Manku – bekannt für seine Kreationen zwischen Innenarchitektur und Design.

Neues Drehbuch
„Wir wollen Formen, Stimmungen und Objekte neu erfinden und gewachsene Kunst mit moderner Technik verbinden. Man kann sich unsere Arbeit wie ein Klavier vorstellen, auf dem wir ständig weitere Tasten hinzufügen um neue Klänge zu erzeugen“, erklärt der Franzose Patrick Jouin seine Grundphilosophie, die er mit seinem kanadischen Agentur-Partner Sanjit Manku teilt. „Unser Gestaltungsprozess ist vergleichbar mit einem Drehbuch. Wir produzieren Szene für Szene, angefangen bei der Einleitung bis hin zum Finale“, ergänzt Manku.

Organische Formen, Glas, Licht und Poesie
Geleitet von diesen Prinzipien empfängt den Besucher der Adresse 20, Place Vendôme zunächst eine einladende Eingangshalle mit sanften, organischen Formen und gedeckten Farben. Auf der oberen Ebene verpackten Jouin und Manku die auserwählten Schmuckstücke aus der hundertjährigen Firmengeschichte dagegen in Vitrinenflure und eine gläserne Bibliothek, die sie durch ausgeklügelte Lichtspiele teils spektakulär in Szene setzten. Eine besonders extravagante Note verliehen sie den Salons durch runde Plexiglas-Vitrinen, die stark an die spiegelnden Kochhauben aus dem weltberühmten Restaurant ADPA erinnern, das ebenfalls das Designerduo für den Starkoch Alain Ducasse im mondänen Plaza Athénée einrichtete.

Ausklingen lassen die Designer den museumsartigen Rundgang an der Place Vendôme dagegen in einem diskret gehaltenen Salon mit arkardenartigen Fenstern, die den Blick auf einen der teuersten Einkaufsplätze der Welt freigeben. An dieser Stelle zollen sie der poesiebeladenen Handschrift des Juwelierhauses Tribut, in dem sie den Vorsprung der Fenster-Arkaden mit Vögeln, märchenhaften Gestalten und Schmetterlingen verzierten. Zudem fügten sie florale Motive und glänzende Goldelemente an Decken und Vitrinen-Wänden ein.

Der Star ist die Treppe
Unangefochtenes Meisterstück des aktuellsten Projekts von Jouin und Manku ist jedoch der spektakuläre Treppenaufgang im Eingangsbereich, deren Stufen zu schweben scheinen. Für diesen Effekt wurde in einem technischen Kraftakt jede einzelne Stufe mit der darauffolgenden durch einem gespannten Draht verbunden. Der wiederum bildet das wellenförmige Rückgrat der Gesamtkonstruktion, den Patrick Jouin einen „technischen Geniestreich“ nennt. Denn für die Umsetzung dieser Idee war die Expertise und Unterstützung von zahlreichen Steinmetzen, Kunstschmieden und Tischlern erforderlich.

Umrahmt von einem filigranen Metallgitter mutet die aufwendige Treppenkonstruktion wie ein zarter Schmetterlingsflügel an. Dabei ist das Material, aus dem die Stufen gemeißelt wurden, alles andere als zart: Wie auch zur Herstellung des Bodens, der Decken und einiger Vitrinen bedienten sich Jouin und Manku dem Pariser Sandstein.

Nüchtern gegen verspielt
„Die Nüchternheit dieses mineralischen Materials ist in unseren Augen die perfekte Ergänzung zu den pompösen Schmuckstücken des Hauses und der spielerischen Leichtigkeit, die wir durch Deckenverzierungen, Ornamente und transparente Vitrinen im Inneren der Boutique geschaffen haben“, begründen die Designer ihre Wahl.

Und sie ist vor allem eine Hommage an die für Paris so typischen Stadthäuser, aus deren üppigen Fassadenmaterial Patrick Jouin und Sanjit Manku bei diesem Projekt eine edle Inneneinrichtung geformt haben.

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