Schöner Schlot: Ein Holzhaus in Slowenien

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Text: Tim Berge, Foto: Flavio Coddou

Haus, Ofen oder Dach? Das Objekt, das auf einer Wiese am Rande einer slowenischen Kleinstadt steht, lässt sich auf den ersten Blick schwer identifizieren. Von außen mit einer mono-materiellen Holzhaut verkleidet, die nur wenige Einblicke preisgibt, ist das Gebäude kaum von einer überdimensionalen Kunstinstallation zu unterscheiden. Die typologische Verschmelzung stammt aus der Feder von Dekleva Gregorič Architects, die mit diesem Haus der Küche als Zentrum unseres Alltags ein Denkmal errichtet haben.

Der Wunsch und damit die Inspiration für das Projekt kam von den Bauherren: Das Paar wünschte sich eine multifunktionale Küche samt Holzofen als architektonischen und sozialen Mittelpunkt ihrer neuen Behausung in Logatec, einer Kleinstadt im Südwesten Sloweniens. 

Typologische Transformation 
Die Feuerstelle ist aus Sicht der Architekturgeschichte von enormer Bedeutung: Als zentraler Ort für die Gemeinschaft bot sie Anlass für erste Behausungsformen und war dadurch einer der Grundsteine der menschlichen Baukultur. In dem Chimney House von Dekleva Gregorič Architects stehen Ofen und Küche ebenfalls im Mittelpunkt des Geschehens – nur gehen die Architekten aus Ljubljana noch ein Stück weiter: Sie lassen die Kontur des Hauses mit der eines Schornsteins als Symbol für die Feuerstelle verschmelzen. Als typologische Transformation“ bezeichnen die slowenischen Planer ihre Vorgehensweise, die mit den expliziten Vorstellungen der Bauherren begründet wird. Dabei gibt noch eine weitere Herleitung für das besondere Erscheinungsbild des Gebäudes: der lokale Genius Loci. Das Giebeldach aus dunklem Holz ist fester Bestandteil der regionalen Architektur und findet sich bei dem Projekt als seine Grenzen überschreitendes Element wieder.  

Die Küche als Zentrum 
Die kunstsinnige und minimalistische Wirkung des Baus wird neben der Form vor allem durch die Mono-Materialität der Fassade erzeugt: Inspiriert durch eine Handwerkstradition und die Scheunenarchitektur der Region wählten die Architekten Latten aus dunkel geöltem Lärchen-Holz, die sie in vertikaler Anordnung über das gesamte Haus legten. Die Haut wird nur an wenigen Stellen von quadratischen Fenster- und Türöffnungen durchbrochen, die sich wie Schießscharten in die dicken Außenwände zurückziehen. Diese Verschlossenheit findet auch im Inneren seine Fortsetzung: Das Gebäude orientiert sich nach innen, in sein Zentrum, den Küchen- und Essbereich. Lebendigkeit entsteht im Chimney House nicht durch Außenbezüge, sondern durch die Kommunikation innerhalb der Hausgemeinschaft. So markiert auch der mit geschwärztem Holz verkleidete Ofen den Dreh- und Angelpunkt des Neubaus. Sein Schlot scheint die zwei aufeinander zulaufenden Dachhälften auf ganzer Länge auseinanderzuspreizen, um ungehindert ins Freie zu gelangen. Dabei tut sich ein breiter Schlitz auf, den die Architekten als Tageslicht-Quelle nutzen.  

Versteckte Zweitbesetzung  
Auch im Innenraum verwendeten die Planer Lärche – allerdings in einer etwas helleren Tönung als bei der Fassade. Alle berührbaren Oberflächen wurden mit dem Holz verkleidet, wodurch eine ähnlich reduzierte Wirkung wie beim äußeren Erscheinungsbild erzeugt wird. Allein die Decke, die aus den zwei schrägen Dachflächen besteht, wurde aus Sichtbeton gefertigt, allerdings mit den sichtbaren Abdrücken der Holzschalung. Das Bild der vertikalen Lattung bleibt somit erhalten. In den Wänden, die von den Architekten mit einer besonderen Stärke versehen wurden, befindet sich der gesamte Stauraum. Kein einziges Regal stört die klare Raumwirkung. Die Dicke der Hülle wurde außerdem für Sitznischen und Ablageflächen genutzt sowie eine zweite, versteckte Nebenküche. Jeder Hauptdarsteller braucht eine Zweitbesetzung.

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