Schräger Nachbar

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Text: Julia Bluth, Foto: Toshiyuki Yano

Frisch geputzte Autos. Nachbarn, die sich freundlich grüßen. Gespräche, die Gartengrenzen überwinden. Für dieses Vorstadtidyll am Rand der südjapanischen Großstadt Matsuyama hat Architekt Hayato Komatsu einen Bungalow entworfen, der ein vollkommenes Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz, Kommunikation und Stille schafft.

Wie so häufig in Japan war auch das Baugrundstück in Matsuyama-Minami nicht besonders groß. Gerade einmal 320 Quadratmeter standen dem jungen Architekten aus Hiroshima zur Verfügung, um den Traum des Bauherrn von viel Offenheit und Tageslicht zu erfüllen. „Der Auftraggeber wünschte sich einen möglichst weitläufigen Südgarten, der zur alltäglichen Betrachtung einladen und gleichzeitig ausreichend Raum für die Kommunikation zwischen Familienmitgliedern und Nachbarn schaffen würde“, so Komatsu. Das Problem: Ein ausgedehnter Garten im Süden war gleichbedeutend mit wenig Spielraum im Inneren des Hauses – etwa für einen Lichthof – und entsprechend mangelnder Helligkeit im nördlich gelegenen Schlafbereich sowie dem traditionell japanischen Raum mit angrenzendem Badezimmer.

Ein Keil als Garten
Die Lösung: Komatsu knickte das große Pultdach einfach in der Mitte ein, sodass die Südsonne ungehindert in die Nordräume scheinen kann. Um den Bewohner dabei keinen kargen Ausblick zu bescheren, verwandelte er die geneigte Fläche in einen Garten. „Das umgedrehte Dach besteht aus bepflanzten Stufen, die einen zweiten Südgarten bilden“, erklärt er, „dazu nutzte ich eine tragende Struktur aus Stahlbeton.“ Die unter dem schrägen Winkel angeordnete Küche versenkte er kurzerhand in den Boden. Auf diese Weise entsteht nicht nur ein Ausgleich der niedrigen Decken, sondern außerdem eine interessante Höhengliederung der verschiedenen Bereiche.

Ansichten und Grundrisse
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Zwei Häuser in einem

Der vor der Küche liegende Wohn- und Essraum öffnet sich über eine durchgehende, bodentiefe Fensterfront zum Garten und dem angrenzenden Grundstück hin. Hier findet der kommunikative Part des Alltagslebens statt, der Familie und Nachbarn miteinander verbindet. Das rein private Leben hingegen spielt sich im hinteren Teil des Hauses ab, der mithilfe des abgesenkten Dachs wie durch einen Keil von der Außenwelt abgetrennt ist. So genießen die Bewohner im japanischen Zimmer und im Schlafbereich völlige Abgeschiedenheit, während großflächige Fenster den Blick auf den ruhigen Zweitgarten freigeben und viel natürliches Licht passieren lassen. „Dieses Haus ist erfolgreich geordnet worden dank eines Raumkonzepts, das ein Dach durch einen Garten ersetzt“, schließt Komatsu zufrieden. Mit seinem Projekt in Matsuyama hat er ein weiteres Mal bewiesen, wie meisterhaft er den Umgang mit Offenheit und Abgrenzung beherrscht.

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