Schwarz auf Weiß

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Text: Claudia Simone Hoff


Zusätzlichen Stauraum wollte er haben, der Kunde von Guise Architects. Inmitten des Stockholmer Stadtteils Vasastan in der Hagagatan liegt sein Apartment. Das Interieur besticht vor allem durch den Kontrast von Schwarz und Weiß. Man könnte es aber auch anders formulieren: Konsequenz bis ins letzte Detail. Dabei liegt der Schwerpunkt der Gestaltung auf grafischen Elementen. Dass den Architekten bei all dieser bewussten Ästhetik auch der Sinn für das Praktische nicht abhanden gekommen ist, beweisen die vielen Stauräume, die sich hinter matt schwarz getünchten Raumelementen befinden.



Diese praktischen und für das tägliche Leben auch notwendigen Stauräume hatte sich der Kunde, der in der Modeindustrie arbeitet, ausdrücklich gewünscht. Nun findet hier seine Sammlung von Kleidern, Büchern und anderen Dingen aus der Fashionwelt Platz. Gut geschützt hinter schwarz lasiertem Türen. Das Architektenduo hat mit diesem gestalterischen Clou mehr Platz in dem Apartment geschaffen, denn ausziehen wollte der Kunde nicht.

Mit interdisziplinärem Zugang

Jani Kristoffersen und Andreas Ferm, die Gründer von Guise Architects, sind ausgebildete Architekten, die zuerst Kunst studierten. Diese Herkunft können sie nicht verleugnen und so zeichnet eine interdisziplinäre Herangehensweise ihre Arbeiten aus. Inspiration finden sie in Literatur, Film, Mode und Kunst. Die beiden Schweden sind vorwiegend mit der Gestaltung von Interiors beschäftigt und entwerfen das Innenleben von Geschäften, Büros und Privatdomizilen. Sie lieben gefaltete Elemente, die für räumliche Qualitäten stehen: Wände, die wie Schachteln hintereinander gefaltet in einen Raum gesetzt werden und die vielen Dinge des Alltags aufnehmen. Und etwas Spielerisches ist dieser Raumplanung auch noch inne: verbergen und öffnen, öffnen und verbergen.

Mit Ecken und Kanten

Diese schwarzen Zick-Zack-Elemente sind es auch, die das Apartment in der Hagagatan unterteilen und verschiedene Wohnzonen schaffen. Zudem verwischen sie als dunkle Elemente Raumgrenzen und -tiefen. Sie evozieren Neugierde – denn wer möchte nicht wissen, welche Dinge und Räume sich hinter ihnen verbergen? Und so ist das Apartment – entgegen des gängigen Klischees von lichten skandinavischen Wohnungen mit open space-Konzepten – an manchen Stellen dunkel und buchstäblich mit Ecken und Kanten versehen. Dass die Wohnung aus dem 19. Jahrhundert stammt, sieht man ihr nach der Umgestaltung durch das Architektenduo von Guise Architects nicht mehr wirklich an. Nur die hohen weißen Decken erinnern noch an herrschaftliches Wohnen. Der Fußboden ist ebenfalls weiß gehalten und mit lasierten Eichendielen belegt.

Mit skandinavischem Charme

Skandinavisch klar – das ist wahrscheinlich trotzdem die erste Assoziation, die einem beim Betrachten des Interieurs einfällt. Von Hans J. Wegeners oft gesehenen Designklassiker-Stuhl „CH-24“ aus dem Jahr 1950 – der wegen der Form seiner Rückensprosse auch „Y chair“ genannt wird – mal ganz abgesehen. Ganz in Schwarz kommt er daher, während die Stühle „DSX (Dining Height Side Chair X-Base) von Ray und Charles Eames mit Metallgestell in Kontrast dazu in Weiß gehalten sind.

Mit nahtlosem Übergang in die Küche

Die stringente Gestaltung des Apartments macht verständlicherweise auch vor der Küche nicht Halt. Hinter einer der schwarzen Stauraum-Wände schließt fast nahtlos der Raum zum Kochen und Werken an. Nahtlos deshalb, weil auch die Küchenschränke ganz in Schwarz gehalten sind. Und nicht nur das, öffnet man die Türen der raumhohen Oberschränke, dann falten sie sich zusammen wie eine Ziehharmonika – ganz in Analogie zu den Einbauschränken, die sich durch das Apartment schlängeln.

Mit Bratenduft schlafen gehen

Da die Küche genau auf die Bedürfnisse des Kunden zugeschnitten werden sollte und in das Gestaltungskonzept eingepasst werden musste, kam eine Küche von der Stange nicht in Frage. Die ebenfalls von Guise Architects entworfene Küche ist einzeilig gehalten und mit grifflosen Unter- und Oberschränken versehen. Ganz ohne Schnickschnack in der Ausstattung. Trotzdem finden auf kleiner Fläche die notwendigsten Kochgerätschaften Platz: Gasherd, Ofen, Spüle und Dunstabzug. Irritierend ist jedoch nicht nur die Tatsache, dass – aus ästhetischen Gründen? – auf eine Ablage zum Trocknen von Geschirr neben dem Waschbecken verzichtet wurde, nein, verwirrend ist noch etwas ganz anderes: das Bett hinter der Küchenwand. Schlafen mit Bratenduft in der Nase? – das dann lieber doch nicht.
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