Schwarz-weiss im Spiegel: Büroarchitektur von Stéphane Malka

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Text: Tim Berge, Foto: Laurent Clement

Was hat die Legende von Héloïse und Abélard mit einem patentierten System flexibler Wände zu tun? Die Antwort darauf liefert der französische Architekt Stéphane Malka mit der Pariser Zentrale des Unternehmens Agoratic. Für die Arbeitsplätze entwickelte er schwebende und sich federleicht bewegende Wände, die einen Tanz in den Büroräumen zu vollziehen scheinen, sich berühren und wieder voneinander lösen – ganz der Geschichte der beiden Liebenden folgend.

Die Referenz liegt gleich um die Ecke der neuen Firmenräume: Der Héloïse-und-Abélard-Platz im 13. Paris Bezirk lieferte dem Architekten die Inspiration für seine poetische Büroarchitektur.

Ballett der Wände
Heloïse und Abélard lebten im 12. Jahrhundert und durften ihre Liebe aufgrund eines zu großen Altersunterschieds nicht ausleben. Die Geschichte endet, ähnlich der von Romeo und Julia, tragisch, und dennoch steht sie wie kaum eine andere für die Kraft der Liebe. Stéphane Malka rückt das Thema der Erzählung in den Mittelpunkt seiner Gestaltung der Büroräume von Agoratic, einem Unternehmen für Computer-Management – und das auf unkonventionelle Weise: Eigens für das Projekt entwickelte er das mobile Wandsystem MuMo, das zum Hauptdarsteller seiner skulpturalen Interpretation der Geschichte von Héloïse und Abélard wird.

Die Wände, deren Funktionsweise sich der Architekt patentieren ließ, schweben drei Millimeter über dem Boden und verfügen über mehrere Rotationsachsen, um die sie sich drehen und verschieben lassen. Das Ergebnis ist zum einen die vielseitige Wandelbarkeit der Büroräume, und zum anderen das spielerische und poetische Moment des Bewegens der Raumtrenner. Wie die zwei Liebenden nähern sich die Elemente einander an, nur um sich im nächsten Augenblick wieder voneinander zu entfernen: ein Ballett der Wände.

Schwebende Wände

Optische Täuschungen
Der Architekt unterstreicht das Motiv sich öffnender und schließender Türen durch ein Camouflage-artiges Schwarz-weiß-Muster, das sich über sämtliche Oberflächen zieht. Unterschiedlich große, schwarze Bögen auf weißem Grund symbolisieren die Bewegungsradien der Wände und machen aus den Büroräumen ein dreidimensionales Gesamtkunstwerk. Dass der Architekt früher Graffiti-Künstler war, lässt sich hier gut erkennen. Verstärkt wird der grafische Effekt durch immer wiederkehrende scheinbare Spiegelungen an den Wänden, die für visuelle Verzerrungen und damit für optische Täuschungen bei den Nutzern sorgen. „Ich wollte eine Art Labyrinth erzeugen, in dem die Leute nicht mehr wissen, von wo sie gekommen sind“, erklärt Malka das Motiv hinter den Symmetrien und Asymmetrien seines spiegellosen Spiegelkabinetts.

In den La Nouvelle Héloïse getauften Büroräumen, die vor allem für Weiterbildungen und Workshops genutzt werden, wird ausschließlich an Laptops gearbeitet. Auch ein festes Mobiliar existiert nicht: Aktiviert werden die Arbeitsplätze damit erst in dem Moment, in dem die Nutzer alle benötigten Utensilien zusammengetragen haben. Das garantiert absolute Flexibilität – auch gedanklich. Und diese steht, neben dem erzählerischen Motiv, im Mittelpunkt der wundersamen und sehenswerten Büroarchitektur von Stéphane Malka. Räume entstehen und verschwinden, dehnen sich aus und schrumpfen – und das allein durch das Verschieben der Wände. Eine Geschichte von der Kraft der Architektur.

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