Schwarze Leichtigkeit

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Text: Nina C. Müller
Foto: Jetso Yu, Lulu Lin

Wie ein gestrandetes U-Boot, das allmählich von der Natur erobert wird, erscheint der experimentelle Leichtbau eines taiwanesischen Architekturbüros, der als flexibler Ort der Kunst, Arbeit und Entspannung dienen soll: ein karges Paradies, ganz in Schwarz.

Ein Gebäude, das sich auf sensible Weise in seine Umgebung und in die Natur einfügt: So lautete das ungewöhnliche Konzept vom Büro Divooe Zein Architects aus Taipeh, das die Räume für die eigene Nutzung als Ort für Meditation und Workshops wie auch als Galerie plante. Unter dem Motto „Exploring the unknown of primitive senses“ ging der Umsetzung des 270 Quadratmeter großen Baus viel Zeit der Recherche voraus. „Denn unser primäres Ziel war es, herauszufinden wie man mit Architektur die Instinkte und Sinne anregen kann“, so Fanyu Lin vom Architekturbüro.

Walden in Taiwan
Inspiration kam von simplen Netzgebilden, wie sie in der Landwirtschaft Taiwans zur Lagerung der Ernte typisch sind. Hier – auf einem bewaldeten Berg – schaffe diese Leichtbauweise ein ideales Mikroklima zum Leben und Arbeiten, so die Architekten. Doch um auch extremen Wetterbedingungen wie etwa Taifunen trotzen zu können, war eine stabile Struktur gefragt. Dafür bot sich eine Konstruktion aus schmalen Stahlträgern und eine halbrunde Gebäudeform an. Damit schmiegt sich der lange, schmale Bau optimal an den Hang an.

Grundrisse
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Höhle des Unterbewussten

„Für die angestrebte sinnliche Erfahrung spielte eine Kombination aus künstlichen und natürlichen Baustoffen eine wichtige Rolle“, so die Architektin. Dafür zogen sie die landwirtschaftlichen Netze wie eine Haut über das Gebäude. „Durch die schwarze Färbung erscheint die Behausung – wie eine Höhle im Wald – von Weitem fast unsichtbar, so Fanyu Lin. Das Innere hingegen profitiert von der halbtransparenten und lichtundurchlässigen Struktur, durch die eine zusätzliche Beleuchtung weitestgehend unnötig wird. Als Ergänzung integrierten die Architekten lediglich einige LED-Leuchten und Kerzen.
Moodbilder des Architekturbüros
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Karges Paradies

„Im Inneren legten wir Wert auf natürliche und gedämpfte Töne“, berichtet Fanyu Lin. Ein Großteil der Möbel stammt von traditionellen Märkten oder aus zweiter Hand. Diese kombinierten sie mit skulpturalen Vogelnestern, archaischen Gefässen aus natürlichen Materialien und Pflanzentöpfen, um die Grenzen zwischen Innen und Außen weiter zu verwischen. Aber auch zahlreiche natürlich gewachsene Pflanzen bestimmen das Interieur. Dafür schnitten die Architekten Löcher in die Gebäudemembran, durch die sich die Bäume ihren Weg nach draußen bahnen können – eine rücksichtsvolle Geste gegenüber der Natur.

Mit dieser Verbindung von heimischen Pflanzen und Architektur wie auch der Verwendung gegensätzlicher Materialien, Farben und Formen gelang den Architekten ein kunstvoller Ort, an dem Kontraste wie Licht und Dunkelheit, Schwere und Leichtigkeit, Natur und Künstlichkeit eine inspirierende Wirkung entfalten.

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