Schwerindustrie, leicht verändert

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Text: Jasmin Jouhar
Foto: Oliver Brettschneider


Beim Stichwort Corporate Architecture fallen einem spektakuläre Neubauten internationaler Starchitekten ein. Aufwändig inszenierte Architektur mit bildhaftem Charakter soll Aufmerksamkeit erzeugen und die Identität eines Unternehmens vermitteln. Umgekehrt hoffen die Manager vielleicht auch, die Firma möge von dem Image der Architektur profitieren. Dass es auch eine Nummer unaufgeregter geht, wenn die Tätigkeit eines Unternehmens Ausdruck in der Architektur finden soll, zeigt das Projekt „Kanonenhalle“ in Berlin. Ein historisches Industriegebäude dient hier als atmosphärisch passender Sitz für eine Firma, die nostalgische Werbeartikel vertreibt.


Die „Kanonenhalle“ ist ein zweischiffiger Backsteinbau aus dem Jahr 1917 und Teil des ehemaligen Werksgeländes des Maschinen- und Dampflokomotivenherstellers Borsig in Berlin-Tegel. Im Ersten Weltkrieg baute Borsig seine Rüstungsproduktion aus, weshalb auch die Fabrikanlagen erweitert werden mussten. Die neun Meter hohe, teilweise offene Halle mit ihren rohen Backsteinmauern, stählernem Tragwerk, offenem Dachstuhl und großen Fensterflächen im Dach verströmt bis heute den Geist des Zeitalters der Schwerindustrie. Auch beim Umbau einer Hälfte der „Kanonenhalle“ zum Firmensitz von „Nostalgic Art“ ging der spezielle Charakter nicht verloren, denn die offene Raumstruktur und die historischen Oberflächen und Details hat Architekt Jens Beige erhalten.

Lager und Büro in einem

Das eine „Schiff“ der Halle erstreckt sich über die volle Höhe und beherbergt jetzt das Hochregallager der Firma, während das andere „Schiff“ über zwei Geschosse verfügt: Im Erdgeschoss liegen weitere Lagerflächen, und im ersten Obergeschoss befinden sich die Büro- und Besprechungsräume. Zwischen den Hochregalen und dem Verwaltungstrakt wurden gläserne Trennwände eingezogen, so dass Sichtkontakte zwischen beiden Abteilungen möglich sind. Die Arbeitsplätze der rund 20 Mitarbeiter sind alle in einem großen, offenen  Raum untergebracht, von oben belichtet durch die gläsernen Dachflächen. An einer Stirnseite liegen in einem eigens eingezogenen Zwischengeschoss die Besprechungsräume. Eine schwarze, gewendelte Freitreppe führt dort hinauf. Insgesamt belegt „Nostalgic Art“ rund 3.500 Quadratmeter Fläche in dem Backsteinbau.

Café im Raucheraquarium


Die Arbeitsplätze der Mitarbeiter sind in Zweier- und Vierergruppen angeordnet, die wie Inseln im open space liegen. Jede der Schreibtischinseln ist durch einen farbig abgesetzten Kreis im Teppichboden eingerahmt und durch halbhohe Container begrenzt. An der einen Seite der Bürohalle liegt ein kleiner Cafétresen, der mit Glaswänden abgetrennt ist: In dieser klimatisierten Kammer dürfen die Angestellten zum Espresso eine Zigarette genießen, ohne die Kollegen bei der Arbeit zu stören.

Ein Tischsystem für alle Bereiche

Die Möblierung der Arbeitsplätze und Besprechungsräume lieferte der Hersteller Sedus. Die Schreibtische stammen aus dem System invitation, das sich durch eine große Variationsbreite und damit Anpassungsfähigkeit auszeichnet. Die Mitarbeiter sitzen auf Bürodrehstühlen namens „silent rush“, die mit ihren roten Sitzschalen einen Akzent in der Halle setzen. Die gepolsterte Abdeckung der Schreibtischcontainer nimmt diesen kräftigen Farbton auf. Das System „invitation“ kommt auch in den Konferenzräumen zum Einsatz, wo es mit roxy-Freischwinger und crossline-Konferenzstühlen, beide in schwarz, kombiniert wurde. Das Möblierungskonzept trägt seinen Teil bei zu dem hochwertigen und seriösen Gesamteindruck, den die sanierte „Kanonenhalle“ macht. Ganz ohne Spektakel und aufwändige Inszenierung.
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