Senkrechte in die Vergangenheit

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Text: Toni Kny
Foto: Assaf Pinchuk

Die im bergigen Obergaliläa gelegene Kleinstadt Safed ist ein Ort der Mystik und Tradition. Der Umbau eines Wohnhauses in dem dicht bebauten, historisch bedeutenden Altstadtviertel durch das Architektur- und Designbüro Henkin Shavit zeigt, wie die gestalterische Begegnung von Alt und Neu zu einem Dialog zwischen Erhalt und Wiedergeburt wird.

Safed, einst wichtiger Ort jüdischer Gelehrsamkeit und geistiges Zentrum der Kabbala, offenbart als eine der vier heiligen Städte Israels seine 2000-jährige Geschichte noch heute in einem wirren Netz aus engen Gassen, mittelalterlichen Steinhäusern und Synagogen. Doch wie um das Angekommensein in der Gegenwart zu maskieren, verrät der Blick von außen auf die alte, grobe, wie ein Bollwerk anmutende Kalksteinfassade, die sich tadellos in die Kulisse einfügt, noch nichts von den feinen und geschickten Instandsetzungsmaßnahmen, die das Gebäude in ein modernes Zuhause verwandelten.

Auferstanden aus Ruinen          

Dem Umbau des Hauses – ursprünglich in Form des achten hebräischen Buchstabens „Chet“ erbaut – ging eine komplexe Planungsstufe voraus, in der die Architekten Henkin Irit und Shavit Zohar aus Tel Aviv begannen, die Gegebenheiten des Baus mit seinen historischen Strukturen zu dokumentieren, um sich mit den vielfältigen formgebenden und materiellen Aspekten des Grundstücks vertraut zu werden. So traten in dieser ersten 
Bauphase während der Freilegung originale Mauern, Bögen, Gewölbe und Nischen zu Tage, deren Einbindung in die Neugestaltung des Hauses das charmante Aufeinandertreffen der Zeiten für die Bewohner erlebbar macht.  

Pläne
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Fließende Grenzen

Die fünf Geschosse des Vertical Stone House wurden in ihrer originalen Anlage weitgehend beibehalten, jedoch im Grundriss erweitert, der nun eine den Wünschen des Bauherren entsprechende Nutzung als Familienheim ermöglicht. Dazu wurde im Erdgeschoss der ehemalige, mittig angeordnete Innenhof zu einem, durch lange Oberlichter erhellten, offenen Wohn- und Essbereich umgestaltet, der die zwei Schenkel des Gebäude miteinander verbindet. Ausladende Glasflächen unterstreichen die starke Vertikalität der altertümlichen Kalksteinmauern und schaffen transparente Teilungen, ohne jedoch den Raum optisch zu durchtrennen. Über eine restaurierte Stahltreppe gelangt man in das die Schlaf- und Badezimmer sowie einen Arbeitsraum beherbergende Obergeschoss, das – erschlossen durch eine galerieartige Holzbrücke – die  Vogelperspektive auf den geräumigen Wohnbereich gestattet.   

Unter Tage, mit Ausblick

Die Amalgamierung von Damals und Heute, das wechselseitige Durchdringen von Innen und Außen ist auch in den anderen Räumen des Hauses das Leitmotiv, welches sich in der Struktur und den Baustoffen fortsetzt. So lässt sich zum Beispiel durch eine raffinierte Verglasung im Erdgeschoss das Gewölbe des Untergeschosses erkennen, das neben dem Weinkeller auch viel Lagerplatz und einen separaten Spielbereich für die Enkel des Bauherren bietet. Die transparenten und halbtransparenten Wände, die im gesamten Gebäude das Licht lenken und Räume formen, fügen sich mit Fließestrich, Stahl und Mosaiken zu einem modernen Material-Ensemble, das zusammen mit schlichten Einbauten und farblichen Akzenten abermals von der Ankunft im Hier und Jetzt kündet.



Angeregt von dieser spannungsvollen Mischung, lässt sich auf der großzügigen Terrasse des Dachgeschosses die Aussicht auf das gelobte Städtchen und den majestätischen Berg Meron genießen – vielleicht ohne Messias, aber dafür ganz gewiss: mit dem Blick nach vorne und zurück.

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