Später Ruhm: Bauhaus-Neubau in Dessau

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Text: Annette Schimanski
Foto: Christoph Petras

Partner: Wilkhahn

Das Wachsende Haus, ein Entwurf von Ludwig Hilberseimer aus dem Jahr 1930, brach mit der Vorliebe des Bauhauses für Glas und Beton und sah stattdessen eine flexible Holzbauweise vor. Mit dem Projekt Bauhaus Bauen der Universität Kassel wurde der fast vergessene Klassiker des Architekten und Bauhaus-Lehrers nun rekonstruiert. Möbelhersteller Wilkhahn förderte das Projekt und stattete den Bau mit wandelbaren Tischen sowie dynamischen Sitzmöglichkeiten aus.

Konzipiert hatte Ludwig Hilberseimer das Wachsende Haus als einen L-förmigen, einstöckigen Wohnhaustyp, der in 400-facher Ausführung die Laubenganghäuser des ehemaligen Bauhaus-Direktors Hannes Mayer in Dessau-Törten ergänzen sollte. Dessen Bauten waren zwischen 1927 und 1929 ebenso am Bauhaus entworfen und schließlich errichtet worden. Die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise verhinderte aber die Konstruktion der von Hilberseimer entworfenen Häuser und ließ so das geplante Konzept unvollendet. Zum hundertjährigen Jubiläum des Bauhauses wurde eines der Gebäude nun unter der Leitung von Philipp Oswalt, Professor für Architekturtheorie und Entwerfen an der Universität Kassel, innerhalb weniger Wochen in Selbstbauweise errichtet und im August eröffnet.
Konzept: Wachsend und modular
Das ursprüngliche Entwurfskonzept sah vor, den Bau nach Bedarf erweitern und schrumpfen lassen zu können. Ermöglichen sollte dies eine Holzkonstruktion, die einen Gegensatz zu den gängigen Bauhaus-Materialien Glas, Stahl und Beton der Zeit bildete. Die Grundeinheit bestand aus einem kleinen Wohn- und Essbereich mit Küchenzeile, einem Bad und Schlafzimmer. Bis zu drei Räume sollten daran angeschlossen werden können. Sie verliehen dem Haus erst die signifikante L-Form und ermöglichten den Anschluss einer geschützten Südterrasse. Komplett ausgebaut umfasste das Haus 85 Quadratmeter und bot Platz für sechs Personen. Die Nord-Süd-Ausrichtung sollte für eine optimale Belichtung sorgen.
Materialien: Simpel und nachhaltig
Drei Wochen benötigten die Studierenden und das Baukollektiv ConstructLab, eine europäische Plattform für kollaborative und experimentelle Konstruktion, für die Umsetzung, die nach möglichst simplen Vorgaben stattfinden sollte. Denn ConstructLab steht für „Low-Tech“: einfache Methoden, die kein spezifisches technisches Können voraussetzen. Das Ziel des Kollektivs war es, dass die Materialien den Auf- und Abbau unbeschadet überstehen und für dasselbe oder ein anderweitiges Projekt wiedereingesetzbar sind.
Möbel: Flexibel und dynamisch
Ähnlich flexibel ist auch die Ausstattung des Innenraums ausgefallen, der zeitweise von den Schülern des Walter-Gropius-Gymnasiums Dessau als „Lernort“ oder aber als Ausstellungsort genutzt werden soll. Der Hersteller Wilkhahn steuerte die Möbel bei, die allen Eventualitäten gerecht werden: flexibel einsetzbare Hocker und Sitzböcke in verschiedenen Farben, entworfen von Thorsten Frank und RSW, bringen eine spielerische Note in das Haus, die Steh-Sitz-Hilfe Stitz trainiert vor allem den Gleichgewichtssinn und lockert damit die Arbeitsatmosphäre. Der stapelbare Mehrzweckstuhlstuhl Aline ist vielseitig einsetzbar und funktioniert im Schul- sowie im Ausstellungskontext. Der Timetable Lift kann als höhenverstellbarer Tisch genutzt werden und verwandelt sich bei Bedarf in ein beschreibbares Whiteboard für Besprechungen und Präsentationen.


„Dieses Projekt ist eine wunderbare Transformation der Moderne ins Morgen“, berichtet Burkhard Remmers, Unternehmenssprecher von Wilkhahn. „Holz als nachwachsender Rohstoff, modulare Anpassbarkeit an sich verändernde Lebensumstände, Flächeneffizienz und kostengünstiges, schnelles Bauen mit vorgefertigten Teilen, Raum bieten für Kooperation und Gemeinschaftssinn, Theorie und Praxis direkt verbinden … all das ist zukunftsweisend und entspricht damit unserem Verständnis im Umgang mit unserem kulturellen Erbe, das von Werkbund, Bauhaus und der HfG Ulm geprägt ist.“ 

Das Wachsende Haus wird 18 Monate für gemeinschaftliche Nutzungen und Besichtigungen zur Verfügung stehen und anschließend nach Berlin-Höhenschönhausen weiterziehen. Dort steht das Haus Lemke von Mies van der Rohe, der die Idee von Hilberseimer Anfang der Dreißigerjahre in eine luxuriöse Villa übersetzte. Der Holzbau wird das Haus Lemke als Besucherzentrum ergänzen.

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