Spanische Tischkultur: Wohnungsumbau in Barcelona

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Text: Tim Berge, Foto: José Hevia

Wenn es einen Ort gibt, der in den meisten Wohnungen das Zentrum des alltäglichen Lebens definiert, dann mit großer Wahrscheinlichkeit der Tisch: An ihm wird gegessen, gearbeitet oder einfach nur gesessen, egal ob es der kleine Küchentisch oder der große Esszimmer- oder Konferenztisch ist. Eine Wohnung in Barcelona huldigt das Objekt, indem sie die Tafel auch architektonisch ins Zentrum rückt.
 
Das Viertel Gràcia bricht mit dem restlichen Stadtbild Barcelonas, das einem streng-orthogonalen Raster folgt: Die Straßen und Häuser sind schmaler und folgen keiner übergeordneten Logik. Hier befindet sich das 140 Quadratmeter große Apartment, dass der Architekt Adrià Escolano zusammen mit seinem Partner David Steegmann für seine Bauherren umgebaut hat. Die Neuordnung der Wohnung stellte sich als große Herausforderung heraus, da von den 16 Zimmern der kleinteiligen Wohnung nur fünf einen Außenbezug besaßen. Mit klugen Eingriffen verwandelten die Planer das introvertierte Ensemble in eine offene und lebendige Wohnstruktur.

Durchlöcherter Käse
Vorne die Straße, hinten ein kleiner Hof. Dazwischen spannt sich das Gerüst der Wohnung mit einer Vielzahl kleiner und verwinkelter Zimmer auf. Escolano und Steegmann teilten das Apartment in drei Abschnitte auf: den Schlaf-, Wohn- sowie einen Innenbereich, der ohne programmatische Definition auskommen darf. Die alte Raumabfolge und ein Großteil der Wände blieben bestehen – dennoch fügten die Architekten Öffnungen hinzu, die die Struktur wie einen Schweizer Käse durchlöchern und dadurch spannende Verbindungen und Verknüpfungen schaffen. Die neuen Durchgänge sind nach oben mit Rundbögen abgeschlossen, eine spielerische Anlehnung an den Jugendstil als stilprägendste Epoche der Stadt.

Sanfte Rundungen
Den Mittelpunkt der drei Wohnbereiche bildet jeweils ein Tisch: Jedes der Objekte wurde individuell an seinen Standort angepasst und mit einer anders farbigen Granitplatte versehen. Besonders der zentral im Eingangsbereich gelegene Tisch offenbart die Bedeutung, die die Architekten den Tafeln zugedacht hat: Seine Fläche nimmt nicht nur die einer ehemaligen Kammer vollständig ein – sie durchschneidet auch die Wände der angrenzenden Räume, dringt in diese mit ihren sanften Rundungen ein und bindet sie so an sich. Tische als weiße Seiten, die von den Bewohnern bespielt und als Ort des Austauschs genutzt werden sollen. 

Pläne und Konzept
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Escolano und Steegmann kreierten noch eine weitere, steinerne Referenz zu Barcelonas Architekturgeschichte: Wie Teppiche platzierten die Planer Kluster aus historischen Keramikfliesen auf dem Boden und zeichneten mit ihnen den alten Grundriss nach. In Küche und Bad wechseln die Kachelflächen von der Horizontalen in die Vertikale und formen an den Wänden eine abstrakte Bergsilhouette. Boden, Wände und Decke: Für die jungen spanischen Architekten sind sie zweidimensionale Spielebenen, die sie nutzten, um eine dreidimensionale, raumbildende Collage zu erzeugen.

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