Spieglein, Spieglein

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Text: Clara Blasius, Foto: Takumi Ota

In diesem japanischen Friseursalon hängen keine Spiegel an der Wand, und es geht auch nicht darum, wer am schönsten ist. Zuletzt diente dieses Gebäude in der Nähe des Hauptbahnhofs in Kyoto einer Autofirma als Showroom. Im zweiten Stock hat der Friseursalon FLUX jetzt eine neue Filiale eröffnet. Von der vorherigen Nutzung zeugen noch die deckenhohe gebogene Fensterfront an der Südseite und die Dachterrasse mit Auto-Aufzug im Norden.

FLUX leitet sich vom lateinischen Wort „fluxus“ (dt.: Fluss) ab. Die Architekten von SIDES CORE unter der Leitung von Sohei Arao, haben den Namen wörtlich genommen und in ein Entwurfskonzept übersetzt. Sie wollten einen offenen Raum gestalten, durch den Licht und Luft frei strömen können.

Fast alle, ob in Deutschland oder Japan, besuchen mehr oder weniger regelmäßig einen Friseursalon. Oft kommen diese von üblichen Stilen und Ordnungen jedoch nicht los, zu vordefiniert scheint die Organisation des Raumes, zu vorgegeben die Funktion der Elemente. Tatsächlich kann man sich keinen Friseursalon ohne, beispielsweise, einen Spiegel denken, dem Element, das dessen Funktion wie kaum ein anderes definiert und nach außen hin manifestiert. Die Spiegel wurden hier aus den Fängen der üblichen Frontalansicht und Wandbefestigung befreit und in eine höhere Sphäre gerückt. Sie sind die Herzstücke des Salons: mittig platziert, hängend und allseitig spiegelnd. Durch Position und Form gewinnen sie einen fast skulpturalen Charakter.

Die Spiegel sollten mehr als nur die Ansicht eines Kunden reflektieren und den Eindruck des Raumes optisch nicht unterbrechen, zeigen ihn also stattdessen als Ganzes. Sie werden dadurch mehr zu Objekten, als sich über ihre Funktion zu definieren. Denn tatsächlich: Trotz der zentralen Aufhängung der Spiegel scheint es, als würde der Raum weitergehen oder zusammenfließen. Auf den Außenseiten der gewinkelten Spiegel gibt es je zwei Plätze für Kunden, auf den Innenseiten je einen. Die Höhe der großen Spiegel sowie anderer struktureller Elemente ist auf 1,5 Meter begrenzt, um den Fluss des natürlichen Lichts und die Sichtachsen nicht Stören. Auch das Personal behält dadurch die Übersicht über die gesamte Fläche des Raumes.

Bewegt man sich tiefer in den fast 150 Quadratmeter großen Salon, trifft man auf verschiedene Perspektiven und Situationen. Der flexibel nutzbare Eingangsbereich strahlt in seiner Materialität und auch formal Schwere aus. Der Mittelteil, durch den kastenförmigen Waschraum räumlich organisiert, erscheint eher praktisch. Die außen gelegenen Frisierplätze wirken offen und leicht. Mit dieser Sequenz nehmen die Architekten ein lokales Element in ihren Entwurf auf: Charakteristisch für die Architektur in Kyoto ist, wie sie räumliche Tiefen nutzt. Die urbanen Gebäude treten oft mit einer schmalen Straßenansicht auf und erstrecken sich dann in die Tiefe.

Insgesamt ist der Salon modern und, ja, minimalistisch gestaltet. Graue Böden und Wände bilden einen neutralen Rahmen. Die offengelegte Decke und von Beton dominierte Materialität sowie dunkle Fensterrahmen erzeugen eine industrielle, aber ruhige Atmosphäre, die dann von weißen fließenden Vorhängen und der Helligkeit, sowohl natürlichen Lichts als auch des schlichten, konsequenten Beleuchtungssystems, ergänzt und abgedämpft wird. Für die reduzierte Ausstattung wurde keine übliche Friseureinrichtung, sondern klassisches Mobiliar gewählt, wie zum Beispiel der CH20 Elbow Chair von Hans J. Wegner und Piña Sessel von Jaime Hayon für Magis.

Man kann sich die Ruhe gut vorstellen. Der mancherorts so typische Smalltalk bleibt hier sicher aus, vielleicht hört man sogar die Haare zu Boden fallen. Eine Oase mitten in der lebendigen Stadt.

Im FLUX ist Frisieren Fertigkeit, Handwerk, nicht Dienstleistung, Kommerz oder bloßes Sprungbrett für die Eitelkeit der Kunden. Die Vision des Inhabers und der gewählte Name lassen einen, auch ohne bewusste Referenz, dann doch noch an die Fluxusbewegung denken: eine starke Idee. Dann konsequent umgesetzt.

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