Stiller Stil

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Text: Nina C. Müller, Foto: Studio Oink

Minimalistische Räume mögen auf Fotos schick sein, doch will wirklich jemand darin wohnen? Den Gestaltern von Studio Oink aus Leipzig gelang mit diesem Interiordesign eine sensible Balance aus zurückhaltender, roher Ästhetik und lebendiger Natürlichkeit. Schlicht: eine Wohnung mit Geschichte, Stil und Stilgeschichte.

Mit der Architektur der 1950er Jahren ist das ja so eine Sache. Simpel und kostengünstig sollten die Gebäude sein – so kurz nach dem Krieg. Doch trotz Mangel und Standardisierung entstanden in der Zeit des Wiederaufbaus auch wahrhafte Schmuckstücke, die mit ihren lichten Räumen, authentischen Materialien und einer zeitlosen wie subtilen Eleganz noch heute ihresgleichen suchen.

Wohnst du noch?
Ähnlich war es auch mit diesem ehemaligen Möbelhaus in der Nähe von Mainz, das vor einigen Jahren in ein Wohn- und Bürogebäude umgebaut wurde. Beauftragt mit der Innenraumgestaltung eines der beiden neu entstandenen Apartments, suchte das Team von Studio Oink nach Lösungen, welche die kühl und streng anmutende Gewerbefläche in ein behagliches Zuhause verwandeln würden. „Das Interieur wirkte clean, die Oberflächen zu glatt – wir hingegen wollten eine besondere, wärmere und persönlichere Atmosphäre schaffen“, so Lea Korzeczek und Matthias Hiller, die neben Interior- und Möbeldesign auch Setdesigns für Fotografie und Film entwickeln.

Transparent getrennt

Dieser künstlerische Einfluss wird auch hier offenbar. Doch – obwohl Mobiliar und Accessoires fast wie komponiert und präzise arrangiert erscheinen – gelang es den Designern, die geräumige, zweistöckigen Wohnung in ein intimes Zuhause umzuwandeln. „Uns ging es vor allem darum, ein Gefühl von Privatsphäre erzeugen, ohne an Weitläufigkeit des Raumes einzubüßen“, so das Duo. So integrierten sie zunächst ein durchdachtes System aus Vorhängen, das zum einen Blicke von außen abschottet und das Licht sanft filtert. Zum anderen nutzten die Planer das halbtransparente Textil aber auch innerhalb der Wohnung. Dort dient er als Raumteiler, der nun Wohn- und Essbereiche dezent separiert.

Lichtteiler
Doch nicht nur der Vorhang sorgt für eine optische Trennlinie innerhalb des Raumes. Der Aspekt der dezenten Gliederung bestimmter Bereiche wird auch mit einem simplen, aber wirkungsvollen Beleuchtungskonzept erreicht: „Unsere Absicht war es, mit Licht bestimmte Bereiche zu definieren, sprich mittels gezielt eingesetzter Leuchten den Raum in seine verschiedenen Funktionsbereiche zu unterteilen“, so die Gestalter. Praktisch hieß das, sie entschieden sich für eine dezentrale Beleuchtung und lediglich ganz pointiert eingesetzte Pendel-, Tisch und Standleuchten aus hauchzartem Glas, aus gebogenem Messing oder mit Textilschirm, die für individuelle, aber stets angenehme, wohnliche Stimmung sorgen.   

Stille Diener
Filigrane Sitzmöbel wie die Neuauflage des berühmten Butterfly Chair, ein kompaktes, kubisches TV-Regal von Montana sowie geometrische Tische und Schränke fügen sich unaufdringlich ins Gesamtbild ein. Um deren materialreduzierte Strenge wiederum etwas zu brechen, wird der Raum durch Vintage-Möbel ergänzt, die zum Teil extra aus der Schweiz kamen: ein Daybed, eine alte Stehleuchte oder der organisch geformten Tulip-Tisch von Eero Saarinen bilden einen gekonnten Material- und Stilmix. Nonchalant mischten die Designer außerdem weiche Lammfelle und Kunstobjekte dazu.

Mit diesen Stilbrüchen alter und neuer Elemente, den Kontrasten aus massivem Stein und leicht fließenden Stoffen wie auch den bewusst gesetzten Beleuchtungsakzenten beweist Studio Oink ein feinsinniges (beinahe fotografisches) Gespür für Farbe, Form, Komposition und Licht.

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Urquiola