Symphonie in Rot

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Text: Katharina Horstmann

 
Der Pavillon zählt als Bautyp zu den Traumaufgaben vieler Architekten. Denn er bietet zahlreiche Entfaltungsmöglichkeiten zwischen abstraktem Experiment und technischer Innovation. Zudem schafft er kreative Freiräume, in denen die Grenzen der Architektur ausgetestet und das bisher nur Gedachte ohne Anspruch auf Perfektion Gestalt annehmen darf. Das wohl populärste Beispiel ist der temporäre Sommerpavillon der Londoner Serpentine-Galerie, der in diesem Jahr von Jean Nouvel entworfen wurde und einen leuchtenden Kontrast zum Grün seiner Umgebung bietet.
 
Für die Londoner gehören die ausgefallenen Bauwerke, die im Juli in den Kensington Gardens auftauchen und im Oktober wieder verschwinden, zu einem festen Bestandteil der Sommerlandschaft. Seit nunmehr zehn Jahren beauftragt das im Park gelegene Kunsthaus Serpentine-Galerie alljährlich einen anderen Architekten mit einer temporären Struktur. Die einzige Bedingung: Der Baukünstler darf bis dahin noch kein Projekt in Großbritannien vollendet haben. Im Fall von Jean Nouvel, und im Gegensatz zu seinen Vorgängern, war die Wahl knapp: Das von ihm entworfene Einkaufszentrum „One New Change“ unweit der Londoner St. Paul’s Cathedral soll Ende des Jahres eröffnet werden.
 
Fehlende Puzzleteile
 
Jean Nouvel ist wohl Frankreichs berühmtester zeitgenössischer Baumeister und ein Verfechter der kontextbezogenen Architektur. Er sagt von sich, keinen eigenen Stil zu besitzen und „in jeder Situation das fehlende Puzzlestück zu finden.“ Für den Serpentine-Pavillon hat er deswegen viel Zeit in den Londoner Parks verbracht; er beobachtete hier das Licht und die Landschaft, aber auch die Londoner selbst und wie sie ihre Umgebung spielerisch nutzen. Am Ende hat er sich für eine luftige Stahlkonstruktion entschieden, die an den Seiten offen ist und rot – sehr rot. Es ist das Rot der Londoner Briefkästen, Telefonboxen und Doppeldeckerbusse, und steht im lauten Kontrast zum Grün der Kensington Gardens.
 
Rot – sehr Rot
 
Der Bau selbst ist nicht der spektakulärste Entwurf von allen Serpentine-Pavillons, doch kaum einer seiner Vorgänger hat derart viele Stimmungen geschaffen und wurde so von den Besuchern angenommen. Er ist ein Konglomerat verschiedener offener Räume und besteht aus klaren, geometrischen Formen. An seiner Südseite wird er von einer zwölf Meter hohen, leicht geneigten, frei stehenden Wand aus roten Polycarbonatplatten eingegrenzt. Ihr gegenüber steht ein 35 Quadratmeter großer Glaskubus, in dessen Nordwand die Worte „Green“ und „Sky“ eingraviert wurden. Zwei große verspiegelte rote Glaswände an seiner Ostseite lassen sich drehen und stellen eine spielerische Beziehung zwischen Innen und Außen her. Sie fungieren nicht nur als flexible Öffnungen, sondern spiegeln den Außenraum in den Pavillon hinein und spielen mit der Wahrnehmung der Besucher.
Zwischen der großflächigen Wand und dem Kubus befindet sich die offene rote Stahlkonstruktion, die mit weiten Markisen überspannt ist. Als Trennwände dienen hier Vorhänge aus roten, dicken Stoffen sowie ebenfalls roten transluzenten Folien, die den Pavillon in eine Zeltatmosphäre tauchen.
 
Zirkuszelt
 
Auch der Innenraum des Bauwerks ist rot – von Stühlen und Tischen bis hin zu den Kühlschränken. Den Mittelpunkt bildet die schlichte Bar vor der zwölf Meter hohen Wand, vor der lange Tische und Bänke stehen. Rechts von ihnen gibt es weitere Sitzmöglichkeiten. Hier stehen kleinere Tische, Stühle und Sessel sowie in den Boden integrierte Bänke und Schachtische. Denn überall geht es im Pavillon um Freizeit und insbesondere ums Spielen – wie, laut Nouvel, in einem Zirkuszelt. So kommen zu den in die Struktur integrierten Spielereien, wie den wandelbaren Spiegelwänden und den Schachtischen, vier Tischtennisplatten, zahlreiche Picknickdecken, Frisbeescheiben, Ballons und Hängematten im Außenbereich hinzu – auch sie in rot, versteht sich.
 
Wie in jedem Jahr werden auch in den kommenden Monaten im Serpentine-Pavillon zahlreiche Veranstaltungen stattfinden. Angefangen mit einem „Sleep Over“ am kommenden Wochenende, einer Nachtaktion mit Filmen und Vorträgen zu Träumen und Insomnia, und abgerundet mit dem legendären 24-stündigen Interview-Marathon im Oktober.


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