Techno und Terrazzo

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Text: Nina C. Müller
Foto: Stefan Wolf Lucks

Der Berliner Stadtteil Friedrichshain steht für Hausbesetzung, Sowjetbau, Industriegeschichte, Graffiti – und den Technoclub Berghain. In dieser Nachbarschaft sollte eine neue Zahnarztpraxis entstehen. Zunächst nicht ungewöhnlich, doch die drei jungen Zahnärzte beauftragten genau jene Architekten, die auch dem Berghain seinen legendären Charakter gaben. Heraus kam ein Interieur, das die Idee von Praxisräumen buchstäblich neu beleuchtet.

Weiße Oberflächen, Einheitsmobiliar und grell gleißendes Licht: Zahnarztpraxen ähneln sich zumeist. Mit Fotos von Waldlichtungen und Strandpromenaden wird mancherorts versucht, mit den kühlen Szenarien zu brechen. In einem kunstledernen Sessel und mit Serviette um den Hals leisten diese gut gemeinten Fototapeten aber eher einen geringen Beitrag zu einer entspannten Erfahrung.

Was hingegen wäre, wenn man Patienten mit einem einladenden Interieur von den unangenehmen Aspekten eines Arztbesuchs ablenken könnte? Diese Frage stellten sich die Architekten von Studio Karhard, als sie den Auftrag für eine Berliner Zahnarztpraxis bekamen. „Die Gestaltung der Räume orientiert sich eher an einem Concept Store oder an einer Bar als an einer Arztpraxis“, so Alexandra Erhard und Thomas Karsten. Bei „The Urban Dentist“ dreht sich also alles um das individuelle Patientenerlebnis.

Für ein strahlendes Lächeln
Der Raum wird dominiert von rauen Konstruktionselementen, dunklen Boden- und Wandbelägen aus Edelstahl sowie hinterleuchteten, programmierbaren Glaselementen“, sagen die Architekten. Dafür wählten sie die für Arztpraxen typische Leuchtröhren. Während diese mit ihren technoiden Formen und kühlen Lichtfarben normalerweise unauffällig in den Hintergrund treten, machen Erhard und Karsten sie hier zu einem Highlight des Interieurs.

Sie brachten die Röhren vertikal an einer Wand des Wartebereichs an und stellten das Licht so ein, dass es in fließenden Übergängen die Farbe verändert. Dadurch tauchen sie den Raum im dynamischen Wechsel in kühle und warme Lichtatmosphären, die von den glatten Bodenbelägen und getönten Spiegeln sanft zurückgeworfen werden. Konkretere Lichtakzente setzen geometrische Deckenleuchten. Die Architekten schöpften das Potenzial des Lichts voll aus und entwarfen ein subtiles Spiel aus Reflexionen. Die Kontraste der industriellen Werkstoffe wie Beton und Metall werden mittels halbtransparenter Oberflächen in ihrer harten Wirkung gedämpft. Durch die milchigen Kunststoffpaneele, mit denen die Räume unterteilt sind, entstehen leichte Farbverläufe und dezente Schattierungen auf den Wänden. Für die Abdeckung der Heizkörper wählte das Duo permeable Messingbleche, die die warme Luft durchströmen lassen und auch optisch für Wärme sorgen.

Zeitgeist, Zement und Zahnseide
Jedem der Empfangs-, Warte- und Behandlungsbereiche der drei Zahnärzte verliehen die Architekten eine individuelle Möbel- und Materialkombination. Hier sitzen die Patienten auf rosafarbenen Polstermöbeln und blicken auf puderfarbene Schränke aus Linoleum, Messing und Stein. Für die eigens gefertigten Objekte beauftragte Studio Karhard lokale Berliner Handwerker und achtete auf nachhaltige Kriterien. Das Herzstück der 360 Quadratmeter großen Fläche ist ein Empfangstresen aus Marmoreal, ein Material, das der britische Designer Max Lamb zusammen mit dem Hersteller Dzek entwickelt hat und das zu etwa 95 Prozent aus Marmor und zu 5 Prozent aus Polyesterharzbindern besteht. Nicht nur durch seine schiere Größe wird der Block zu einem markanten Statement. Auch aus der Nähe betrachtet zieht die asymmetrische Form des massiven Monolithen mit ihren detailreichen Musterungen die Blicke auf sich. Tatsächlich hat er mehr von einer Bar, als von einem Empfangstresen beim Arzt.

Dort kann man es in der Regel ja kaum erwarten, Warte- und Behandlungszimmer zu verlassen. In diesen atmosphärischen Praxisräumen hingegen werden Patienten sicher gerne länger verweilen. Wenn auch nicht die ganze Nacht.

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