Tel Aviver Nächte sind lang

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Text: Claudia Simone Hoff, Foto: Amit Geron

Dort, wo Tel Aviv einst entstanden ist, hat John Pawson ein historisches Kloster in ein Boutiquehotel verwandelt. Nur einen Steinwurf entfernt vom alten Hafen in Jaffa – im gewohnt minimalistischen Look des britischen Architekten. Die gestalterischen Zutaten: Kunst von Damien Hirst, Designermöbel und jede Menge Naturstein.

Tel Aviv ist eine einzige Baustelle. Ganze Stadtteile verschwinden, Häuser werden abgerissen, historische Gebäude aufgestockt. Und manchmal auch komplett saniert – so wie ein Kloster aus dem 19. Jahrhundert unweit des Hafens von Jaffa. Dort, wo in den stilgelegten Hangars Cafés, Restaurants und Fotogalerien untergebracht sind und die Tel Aviver am Wochenende flanieren. Wo unten das Leben tobt, ist The Jaffa Hotel weiter oben am Hang ein Ort der Stille und der Muße.

Gebäudekontraste
Zusammen mit dem vor Ort ansässigen Architekten Ramy Gill, der als Spezialist für die Baugeschichte Jaffas gilt und auch für die Umgestaltung des Hafens zuständig war, hat John Pawson ein neo-romanisches Kloster um einen zurückhaltenden Neubau ergänzt. Die gestalterische Klammer zwischen dem u-förmigen, historischen Gebäude und dem Neubau bildet der arkadengesäumte Hof, der im Sommer herrlich schattige Plätze zum Verweilen bietet. Die zurückhaltende und dennoch kunstvolle Begrünung trägt auch dazu bei. Nicht fehlen darf in südlichen Gefilden und in einem Fünf-Sterne-Haus sowieso der Swimmingpool. Pawson hat ihn so geschickt auf dem Grundstück platziert, dass er die eindrucksvolle Arkaden-Architektur bewahrt und durch eine hohe Steinmauer von außen nicht einsehbar ist.

Ohs und Ahas
Der Zugang zum Hotel erfolgt über einen langgezogenen Gang, dessen Wände mit ornamental durchbrochenen, weißen Metallelementen verkleidet sind, die auch an den Balkonen wiederkehren. Am Ende öffnet sich der Gang effektvoll in einen großen Raum mit komplett verglaster Front. Das Entree des Hotels ist Empfang, Lobby und Bar zugleich. Geschickt in das zurückhaltende Interiordesign in Weiß-, Beige- und Brauntönen integriert wurde eine Verteidigungsmauer aus dem 13. Jahrhundert, die bei den Umbauarbeiten zutage kam, und einen schönen Kontrast zum kühlen Interior ergibt.

Auf dem eleganten Travertinfußboden dämpfen flauschige Teppiche die Schritte, während sich die Gäste in den Sofaklassiker Togo von Ligne Roset kuscheln oder Drinks auf Glastischen von Glas Italia abgestellt werden. Israelis frönen in der Shesbesh Lounge nebenan an den von Pawson entworfenen steinernen Tischen ihrer Leidenschaft fürs gleichnamige Spiel. Daneben steht ein kubischer Bartresen, der Mies-van-der-Rohe-gleich von einer Wand aus dunklem Naturstein hinterfangen wird. Einzig die zwei kreisrunden Gemälde des britischen Künstlers Damien Hirst bringen Farbe und ein wenig gestalterische Aufregung ins Spiel.

Klösterliche Strenge
Das Highlight des Hotels ist aber zweifellos The Chapel – eine Bar, die sich in der ehemaligen Kapelle des Klosters befindet. Sie ist auch von der Hauptstraße Yefet zugänglich, man betritt sie durch eine eindrucksvolle Holztür. Unter dem bemalten Kreuzrippengewölbe bilden die Sechzigerjahre-Sessel Botolo von Cini Boeri behagliche Sitzinseln. Buntglasfenster tauchen den Raum in einen Farbreigen aus Gelb, Rot und Blau – ein gelungener Kontrast zum Bartresen aus weißem Carrara-Marmor. Erst die Drinks, dann der Schlaf – das könnte das Motto des Hotels sein.

Es verfügt über 120 Zimmer, davon 17 Suiten. Verteilt auf das historische Gebäude sowie den Neubau, sind sie – ebenso wie die öffentlichen Bereiche – in gedeckten Tönen gehalten und mindestens 34 Quadratmeter groß. Eingerichtet sind alle Räume mit Betten, Sofas und Schränken, die John Pawson entworfen hat und die von B&B Italia gefertigt wurden. Das Hotelkonzept wird ergänzt um 30 sogenannte Serviced Apartments (The Jaffa Suites), die derzeit zum Verkauf stehen. Sie sind gestalterisch den Hotelzimmern und Suiten angeglichen, verfügen aber zusätzlich über eine Küche.

Ort der Stille
The Jaffa Hotel ist das, was der Tel Aviver Hotelszene gefehlt hat. Weder ein gesichtsloser Fünf-Sterne-Hotelkasten, wie man ihn an der Strandpromenade der israelischen Metropole zuhauf findet, noch ein weiteres Designhotel, dessen Gestaltung nach einigen Jahren schon überholt erscheint. Dass der Architekt zuweilen die Form über die Funktion stellt – wenn man beispielsweise das Togo-Sofa in der Lobby einen halben Meter nach vorn verrücken muss, um an den Tisch mit den Drinks zu gelangen und auch das Hängeleuchten-Ensemble arg klein geraten ist – es sei ihm verziehen. Denn Pawson hat einen Ort der Stille geschaffen, an dem man den Trubel der selbsternannten Partymetropole Tel Aviv getrost hinter sich lassen kann.

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