Transformation in Rot: Wohnen in der Weinkellerei

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Text: Tim Berge, Foto: Fernando Guerra | FG+SG

Die Luft ist warm und riecht nach Zitrusfrüchten. Eingebettet in den historischen Kern des kleinen portugiesischen Ortes Azeitão, etwas südlich von Lissabon, hat sich eine Familie eine alte Weinkellerei zum Wohnhaus umbauen lassen. Bauherren und Architekten beschlossen einen behutsamen Umgang mit dem Bestand, der nach außen hin nur durch wenige Eingriffe auf sein runderneuertes Inneres hinweist.

Das über hundert Jahre alte Produktions- und Lagergebäude liegt etwas abseits der Hauptstraße und ist nur durch eine kleine Gasse erreichbar. Den atmosphärischen Rahmen dieser kleinen Oase bildet der alte Obstgarten mit einem Dutzend Orangenbäumen. Er macht einen Großteil des Grundstücks aus und sollte erhalten bleiben – genau wie das bestehende Volumen der Weinkellerei. Das bedeutete gleichzeitig für die Bauherren und zukünftigen Bewohner, die zwei fensterlosen Fassaden des Altbaus zu akzeptieren, denn ein Eingriff in die historische Substanz war nicht erlaubt. Die alten Mauern markieren die unmittelbare Grenze zu zwei Nachbargrundstücken: alt und neu im Dialog.

Wohnbereich und Garten – direkt verbunden über ein breites Fenster

Lebendige Fassade
Das Lissaboner Architekturbüro Extrastudio fügte dem Altbau zwei von außen sichtbare Eingriffe hinzu, die in erster Linie der Belichtung des Inneren dienen. In die Westfassade schnitten sie eine 14 Meter breite Fensteröffnung, die das Gebäude zum Obstgarten hin öffnet. Und am östlichen Ende des Hauses bauten die Planer einen Patio ein, der das Tageslicht über zwei Etagen nach Innen trägt. Eine weitere bauliche Maßnahme, die ebenfalls außen vorgenommen wurde, bleibt dank ihrer zeitlosen Herstellungstechnik beinahe unbemerkt. Die Architekten ergänzten das Haus durch eine neue Fassadenebene, die von einem lokalen Unternehmen entwickelt wurde. Der Kalkmörtel entstand nach einem tausendjährigen Produktionsverfahren, bei dem reiner Kalk mit Puzzolanen kombiniert wird. Eine Mischung, die auch als „Römischer Beton“ bekannt ist. Dem fügten die Planer rote Pigmente hinzu. Je nach Jahreszeit und Luftfeuchtigkeit verändert die Oberfläche Charakter und Farbigkeit, bis hin zu einer fast schwarzen Tönung bei starkem Regen.

Architektonisches Lückenspiel
Innen wollten die Architekten eine ungezwungene, mediterrane Wohnatmosphäre kreieren. Das gelingt ihnen durch eine radikale räumliche Öffnung, die gleichzeitig ein spannendes Wechselspiel aus alt und neu erzeugt. Nicht nur der innenliegende Patio, auch der Eingangsbereich und das Wohnzimmer erstrecken sich über die komplette Gebäudehöhe von neun Metern. Die breite Fensterfront des Erdgeschosses ermöglicht zudem eine großflächige Verbindung von innen und außen. Dagegen wirken die Schlafräume im ersten Obergeschoss kompakt und intim: ein bewusst eingesetzter Kontrast zu der Großzügigkeit der Gemeinschaftsflächen, die ihre Fortsetzung auf der obersten Etage findet. Der Bereich, anhand dessen Kontur sich perfekt das Lückenspiel der Architekten ablesen lässt, liefert auch einen Hinweis auf die ausgedehnten Dimensionen der früheren Weinkellerei. Ein Effekt, der auch durch das neutrale Weiß unterstützt wird, das sämtliche Oberflächen bedeckt.

Pläne
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Den Abschluss des architektonisch beeindruckenden Projekts bildet ein als Reflexionsbecken angelegter Swimmingpool im Garten, eine Reminiszenz an historische Bewässerungstanks. Seine Wände sind innen und außen mattschwarz – seine Oberfläche reflektiert Himmel und Haus. Die Architekten wünschen sich, dass das Schwimmen in dem Becken eine Urerfahrung birgt: „Der Körper im Wasser schwimmt in absoluter Leere“. Ein Gefühl, dass sich in dem Gebäude nicht einstellen will – trotz der Lücken und Leerstellen.

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