Tropical Space: 50 Shades of Clay

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Text: Norman Kietzmann
Foto: Oki Hiroyuki

Es geht auch ohne Glas: Das Architekturbüro Tropical Space aus Ho-Chi-Minh-Stadt hat sich auf Bauten in tropischen Regionen spezialisiert. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Materialität von Ziegelsteinen, die auf raffinierte und vielschichtige Weise zum Einsatz kommen und eine klassische Fensterverglasung in vielen Fällen überflüssig machen. 

Die Architekturszene in Vietnam ist im Aufwind. Immer wieder erreichen uns Bilder von eindrucksvollen Privathäusern, die poetische Leichtigkeit mit planerischer Vernunft in Einklang bringen. Ein spannendes Büro heißt Tropical Space und sitzt in Ho-Chi-Minh-Stadt. Fast könnte man meinen, dass dessen Gründer Nguyen Hai Long und Tran Thi Ngu an chronischer Klaustrophobie leiden – und mit ihrer Arbeit nach einem adäquaten Heilmittel suchen. 

Durchlässige Membran 
Worum es den Architekten geht, ist jedoch keine endlose Weite. Riesige Panoramafester fehlen bei ihren privaten Wohnhäusern oder dem Ateliergebäude eines Terrakotta-Künstlers ebenso wie verschwenderische Raummaße. Tropical Space arbeiten häufig auf nur wenigen Quadratmetern – und vermeiden dabei dennoch jeden Eindruck von Enge. Ihr Werkzeug: ein lockeres Mauerwerk aus versetzten Ziegelsteinen, dessen Muster sich auf vielfältige Weise variieren lässt. 

The Termitary House, Da Nang City, Vietnam, 2014 
Licht und Luft  
Innen und außen werden damit nicht strickt voneinander getrennt, sondern mithilfe einer durchlässigen Membran in Verbindung gebracht. Die Architekten erklären damit gleich zwei Konstanten ihrer Profession zum Feindbild: die massive Wand sowie die klassische Verglasung von Fenstern. Die halb offenen Ziegelwände lassen Licht und Luft hingegen frei zirkulieren, wodurch dunkle Ecken ebenso vermieden werden wie der Einsatz von Klimaanlagen. Nur in wenigen Fällen haben Tropical Space dem offenen Mauerwerk noch eine zweite Ebene aus raumhohen Verglasungen hinzugefügt.

Laternen in der Nacht 
Die Gebäude verlieren damit ihre austere, nach innen gekehrte Wirkung. Stattdessen kommunizieren sie über die Fassaden mit ihrer Umgebung, indem sie einen Teil des Innenlebens nach außen preisgeben und umgekehrt. Während des Transfers werden die Farben des Lichts verändert. Die Sonnenstrahlen wirken im Inneren gedämpfter, gebrochener, geheimnisvoller. Das elektrische Licht wird durch die Terrakottaziegel mit Wärme aufgeladen. Wenn es in der Nacht nach außen dringt, bringt es die Gebäude wie Laternen zum Leuchten. Die Fassade ist damit keine neutrale, austauschbare Hülle. Sie lädt Innen- und Außenraum mit Atmosphäre auf. 
NDC House, District 1, Ho-Chi-Minh-Stadt, Vietnam, 2016
Gebauter Anti-Snobismus 
Diese Lösung ist nicht nur aus gestalterischer Perspektive überzeugend. Sie sorgt dafür, dass sich viele Projekte zudem für erstaunlich niedrige Budgets realisieren lassen. Das 75 Quadratmeter große Wasp House in Ho-Chi-Minh-Stadt beispielsweise hat rund 25.000 Euro gekostet. Beim 108 Quadratmeter großen LT House in Long Thanh waren es dank einer Materialbeteiligung des Bauherren gerade einmal 17.000 Euro. „Es ist uns wichtig, dass wir auch für mittlere Einkommen spannende Lösungen finden. Denn ein schönes Haus muss nicht teuer sein“, begründet Nguyen Hai Long den Schwerpunkt seines Büros auf erschwingliche, aber dennoch alles andere als banale Entwürfe. 

Raffinesse und Leichtigkeit  
Natürlich wird diese Art von Architektur durch die klimatischen Bedingungen der Tropen begünstigt. Dennoch stehen die Entwürfe von Tropical Space keinesfalls für Sonderfälle vom anderen Ende der Welt. Das Ineinandergreifen von innen und außen erzeugt räumliche Raffinesse und eine Leichtigkeit, die auch im kühlen Europa gewiss nicht fehl am Platz ist. Nur auf die Verglasung kann man dann leider nicht verzichten. 

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