Ukrainischer Tiger

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Text: Tanja Pabelick
Foto: Viktoriya Gibalenko

Hinter den vielen alten, unrenovierten Fassaden Kiews blühen mehr und mehr kleine Mikrokosmen auf, bringen Kaffeeröstereien, Concept Stores und internationale Küchen in die ukrainische Hauptstadt. Das von Studio Shovk gestaltete Asia-Restaurant Tiger ist eine dieser neuen Oasen, die bis ins Detail gestalterische Hingabe zeigen und ihren Beitrag zum wandelnden Kiew-Image leisten.

Der Kontrast zwischen stalinistischer Architektur, zerblätterndem Altbau und bis ins Detail polierten Interieurkonzepten könnte kaum größer sein. Die Schnelligkeit und Dynamik des Wandels macht die aktuelle Anziehungskraft der Stadt aus, für die es bisher nur wenig hilfreiche Reiseführer noch eine flächendeckende Dokumentation gibt. Am Ende fühlt sich der Besuch in Kiew wie eine Zeitreise zum Tourismus vergangener Jahrzehnte an, zu dem es auch gehört, undirigiert eigene Entdeckungen zu machen. So ist es auch mit dem Tiger, das sich hinter einem kleinen Eingang an einer großen Straße im Stadtzentrum versteckt.

Analoger Gelbfilter
Hereingezogen wird der Besucher über einen kanariengelben Farbanstrich der eine halbe Etage ins Innere hinaufgehenden Treppe. Oben angekommen öffnet sich nach rechts der Gastraum mit der sieben Meter langen Bar, Balkonen und einem Blick über alle Tische bis in die Küche: Das gerade einmal einen Kopf über der Stadt liegende Restaurant hat sich in einem schlanken Schlauch eingerichtet. Am Ende des langgezogenen Raumes trifft das Auge wieder auf die Signalfarbe des Eingangsbereichs. Das Signature-Element des Restaurants ist die offene Küche, die durch eine gelb getönte Scheibe räumlich und akustisch abgetrennt wurde. Sehen können die Gäste allerdings genau, was passiert. Die Zubereitung der Speisen wird zum Teil des Entertainments, trotzdem bleibt die Küche auf Distanz.

Der Grundriss der schlanken Asia-Oase.

Des Altbaus neue Kleider
Neben den gelben Akzenten am Eingang und bei der Glaswand haben die verantwortlichen Architekten von Shovk kaum auf ästhetischen Krawall gesetzt. Die Bar ist mit signalroten Hockern ausgestattet, ansonsten ist das Farbkonzept eher gedämpft und zurückhaltend. „Wir haben beschlossen, im Hauptraum auf kontrastierende, aber sanfte Kombinationen von Farbe und Material zu setzen", erklären Anton Verhun, Ruslan Lytvynenko und Andrew von Studio Shovk. Sie haben den Altbaucharakter des Bestands in Form roher Ziegelsteine erhalten, der Boden und die halbe Wand tragen allerdings einen Layer aus graugrünem Terrazzo. Er bildet auch Teile des Mobiliars wie Sitzbänke und Pflanzkästen und belebt den Stein mit einigen grünen Bewohnern.

Nahtloser Funktionswandel
Aufgrund der Enge des Raumes bildete die Ergonomie einen wichtigen Faktor. Schließlich sollten sich weder Personal noch Gäste an spitzen Ecken stoßen. „Wir haben die Ecken der Tische abgerundet und anstelle der vier Standardbeine ein Bein in der Mitte des Tisches platziert. Es soll Sitzen und Aufstehen erleichtern", erläutern die Gestalter. Das ist auch praktisch, wenn abends mal Gedränge einkehrt – denn dann wird das Restaurant zur Bar. Für diesen Funktionswandel haben die Designer ein zweites Beleuchtungsszenario konzipiert. Tagsüber ist der Raum hell ausgeleuchtet, abends wechselt die Lichtstimmung in ein gemütliches und warmes Dämmerlicht. Dann werden die Pflanzen zur mysteriösen Oase, und die gesamte Szenerie erinnert an eine asiatische Straßenküche – ein Kurzurlaub von der geschäftigen Hauptstadt.

Sechs Fragen an Anton Verhun, Ruslan Lytvynenko und Andrew von Studio Shovk.

Wann und wo habt ihr euer Studio gegründet? Wir haben unser gemeinsames Studio 2017 in Mailand gegründet, als wir am Politecnico studiert haben.

Wie würdet ihr das aktuelle ukrainische Design charakterisieren? Wir beobachten vor allem, dass sich die Designszene hier derzeit schneller entwickelt als je zuvor.

Was ist typisch ukrainisch - und nimmt die lokale Kultur Einfluss auf eure Arbeit? Wir sind natürlich durch unseren Hintergrund kulturell international beeinflusst. Es ist vor allem so, dass wir die gestalterischen Erfahrungen und globalen Designtrends in die Ukraine bringen wollen – und in unseren Projekten einsetzen.

Was macht Kiew derzeit so spannend für Kreative? Bauunternehmer und Kapitalanleger sind sehr daran interessiert, zu investieren. Und sie wünschen sich moderne und coole Projekte.

Wie ist es, als Designer in der Ukraine zu arbeiten? Es ist eine Herausforderung.

Wessen Arbeit bewundert ihr – und warum? Die dänischen Studios EFFEKT, COBE oder Norm Architects. Oder Peter Zumthor. Uns gefallen vor allem Projekte, die auf eine klare Komposition und Simplizität setzen.

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