Ultragraue Implosion: Stuttgarts neue Architekturfakultät

19
Text: Tanja Pabelick, Foto: Klaus Mellenthin, Oliver Rieger, Niels Schubert

Wenn sich jemand für die brutale Seite von Beton begeistern kann, dann Architekten. Der Neubau aus Sichtbeton der Hochschule für Technik in Stuttgart zeigt sich weder im Stadtbild, noch im Innern gefällig. Mit der Botschaft, dass Schönheit einen nicht warm umarmen muss, sondern auch mal nackt und nüchtern sein kann, greifen Berger Röcker Gork Architekten so manchen Lehrinhalten vor.

Beton, Glas und Aluminium auf fünf Geschossen, klare Linien und kein Chichi: Der Bau auf dem Universitätsgelände im Zentrum Stuttgarts ist die neue Visitenkarte für die Architekturfakultät. Als „maximale Reduktion“ beschreiben die Planer des Büros Berger Röcker Gork Architekten ihren strengen Monolithen. Die Fassade öffnet sich zur Straßenseite mit zwei vertikalen Glasflächen unterschiedlicher Breite. An den Längsseiten wirken die drei horizontalen, in der Fassade zurückgesetzten Fensterbänder wie zusammengekniffene Sichtschlitze. Es sind die wenigen gestalterischen Elemente, die harten Kontraste zwischen hellem Beton und dunklen Fenstern, die als Statement funktionieren. Es ist aber auch Architektur wie Teflon, die in ihrer funktionalen Konsequenz über den Emotionen steht und auf eine fast autistische Neutralität setzt.

Pläne
5
Schick im Schnitt
Beim Betreten ist sofort klar: Für ein Gebäude der Lehre und des Studiums ist das eine ausgezeichnete Haltung. Das Gebäude ist ein asketischer Raum, der sich der Arbeit und Konzentration gegenüber einladend zeigt. Er wird zur Leinwand für neue Ideen und bleibt offen für eine flexible Nutzung. Die funktionale Gliederung kommuniziert sich außen wie innen. Die beiden vertikalen Fensterbänder markieren die Unterteilung in drei parallele, in ihren Dimensionen und Abständen variierende Riegel. Hier befinden sich die Räume der Fakultät, die durch eine breite Foyerzone erschlossen werden. Die Architekten bezeichnen sie als „eine innere Magistrale“, die im Erdgeschoss in die großen Hörsäle, ein Lichtlabor und auch eine Veranstaltungsküche führt. In den oberen Etagen liegen Büro- und Besprechungszimmer, Seminar- und EDV-Räume.
3
Versteckter Farbraum
Die natürliche Beleuchtung über die gläsernen Fassadenelemente und die über dem Dach fortgeführte Oberlichter wird durch Neonröhren ergänzt. In ihrer rhythmischen und zur Ausrichtung des Flures orthogonalen Positionierung werden sie zu einem grafischen Gestaltungselement, das im monochromen Grau an eine künstlerische Lichtinstallationen erinnert. Das reduzierte Interieur stellt die präzise ausgeführten Ausstattungsdetails in den Vordergrund. Die Sichtbetonoberflächen sind handwerklich hergestellt und vor Ort verbaut, die Aluminiumprofile der Fassade und Innenausbauten millimetergenau gefertigt. In der ästhetischen Stille des Gebäudes haben die Architekten allerdings einige Örtchen des Krawalls versteckt. Wer die Waschräume aufsucht, landet in monochromen Farbwelten. Neonpink, Grellorange und Ultramarinblau sind hier die Wände – und wer länger bleibt, erlebt mit dem Grau vor der Tür vielleicht sogar eine Kontraststeigerung in der jeweiligen Komplementärfarbe.

Informationen aus erster Hand zu internationalen Messen, Ausstellungen und Events.