Unendliche Geschichten

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Text: Tanja Pabelick
Foto: Shao Feng

Harry Potter würde sich hier ganz zu Hause fühlen: Mitten in China wurde mit dem Zhongshuge Bookstore eine Welt für Bücher realisiert, die in der Hektik der Großstadt einen surrealen Zufluchtsort bietet. Spiegel spielen mit der Wahrnehmung und den Raumgrenzen. Deckenhohe Regale bilden Wände aus Büchern, und der zentrale Lesesaal wirkt wie eine Hommage an Eschers Penrose-Treppe.

Den Spruch „Don't judge a book by its cover“ sollen Besucher des Buchhandlung Chongqing Zhongshuge wortwörtlich nehmen. Der Laden wurde bewusst so gestaltet, dass der Leser in die Buchwelten eintaucht, bevor er seine Auswahl zur Kasse trägt. Aber der Slogan gilt auch für das Geschäft selbst, das von außen nahezu unscheinbar anmutet. Untergebracht in der dritten und vierten Etage einer Shopping-Mall, trennt eine schlichte, mit weißem Text bedruckte Glaswand die Besucher von dem faszinierenden Universum im Inneren. Gestalter und Eigner haben die traditionelle Idee einer Kulturinstitution überaus ernst genommen und einen Ort geschaffen, der ausreichend Anziehungskraft besitzt, um Kunden an einen realen Point of Sale zu locken.

Die schönsten im Land
Zhongshuge ist eine Kette, die seit 2013 in China ihre Filialen eröffnet und es sich zur schlichten aber anspruchsvollen Aufgabe gemacht hat, die schönsten Buchläden zu gestalten. Komplizin der Marke ist die Architektin Li Xiang, die in Shanghai ihr Studio X+Living führt. Die Niederlassung in Chongqing ist bereits ihr neuntes Projekt für Zhongshuge. Gemeinsam ist allen ihren Raumentwürfen das konsequente Narrativ, das jedes Geschäft zu einem abenteuerlichen Mikrokosmos macht. Mal installiert sie eine Straßenkreuzung, mal eine Wasserstraße. Jedes Projekt nimmt individuell Bezug auf Charakter und Geschichte des Ortes, an dem es sich befindet. In Chongqing schließt sich thematisch ein Kreis: Seit der Antike zieht das von Bergen umrahmte und von Flüssen durchzogene Chongqing Schriftsteller und Kalligrafen an.

Buchkokon als Lesehöhle
Als erstes betreten Besucher die Lobby. Konische Bücherregale ragen aus der Decke und schweben über dem Boden. Mit ihren im Inneren hängenden Leuchtkugeln werden sie zu begehbaren Lampenschirmen, in denen Besucher sich zurückziehen können. Das Ambiente erinnert mit seinen dunkelbraunen Holzwänden und den Messingdetails an die Materialwelt eines kolonialen Arbeitszimmers, die schwarz reflektierenden Böden und die Spiegeldecke geben dem Ganzen einen Alice-im-Wunderland-Moment. Am Ende der Lobby schließt sich ein Tunnel an, der den Besucher tiefer in den Bauch der Bibliothek zieht. Gegenüber ist der Kinderlesesaal untergebracht, der einen abrupten Kontrast zu der dunkel gehaltenen Erwachsenenwelt bildet. Vor bonbonbunten Wänden formen die hellen Regalwände eine Landschaft mit Gebäuden und Stadtszenen, die den Charme der historischen Kulturstadt Chongqing wiedergeben sollen.

Leiter zum Himmel
Der Hauptsaal, den die Architektin Leitersaal getauft hat, ist nicht nur der größte Raum, sondern auch der eindrucksvollste. Die hinauf- und hinablaufenden Treppen erinnern an M.C. Escher, wobei die Spiegeldecke den Raum verdoppelt und seine tatsächliche Konstruktion verzerrt. Das Interieur ist dabei nicht nur Instagram-Gold, sondern bringt die Menschen auch miteinander ins Gespräch. Sie sollen sich auf den Stufen oder in den Lesekokons niederlassen, im angeschlossenen Café entschleunigen oder sich schlichtweg die schier endlosen Bücherwände entlang durch die Welt des Wissens treiben lassen. Es mag auf den ersten Blick fast anachronistisch anmuten, dass ein Buchladen in der Dimension eines Tempels einen Raum im modernen China findet – in Zeiten des Online-Handels und elektronischen Lesegeräten. Aber ein solches Ladenprojekt ist Ausdruck einer Sehnsucht nach analogen Qualitäten, nach Kommunikation, haptischem Erleben und dem Einkauf als Mission mit einem Mehrwert. Und der Erfolg gibt den schönsten Buchläden von Zongshuge schließlich recht.

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