Utopia: Bibliothek in Aalst

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Text: Jeanette Kunsmann, Foto: Delfino Sisto Legnani und Marco-Cappelletti

Bibliotheken fassen heute mehr als Bücher, sie werden wieder ein Ort des städtischen Lebens. So auch die Bibliothek und Akademie für Darstellende Künste im belgischen Aalst von Kaan Architecten, die im Juni eröffnet wurde.

Ist man zwischen Brüssel und Gent unterwegs, passiert man auf halber Strecke das Städtchen Aalst. Bekannt für Schokolade, Schnittblumen und die ausgeprägte und alljährlich gepflegte Tradition des Karnevals, kann sich die 85.000-Einwohner-Gemeinde nun ein weiteres Wahrzeichen auf die Fahne schreiben: Hier haben Kaan Architecten in der Altstadt eine Utopie gebaut. Aus Ziegeln und Beton.

Stauraum oder Konstruktion? Die Bücherregale spielen eine tragende Rolle im Raum.

In Utopia kennt man weder Geld noch Privateigentum, die Utopier wohnen in den Städten, leben in Familienverbänden und speisen in Gemeinschaftsküchen. Die Sozialutopie, die Thomas Morus im Jahr 1516 verfasst hat, diente in Aalst als Namensgeber für die neue Stadtbibliothek. Erst Mitte Mai sind die rund 90.000 Bücher in Utopia eingezogen, am 21. Juni 2018 öffnete das 8.000 Quadratmeter große Backsteinensemble an der Ecke Oude Graanmarkt und Esplanadestraat seine Tore.

Das 15-köpfige Projektteam von Kees Kaan spielt das Thema Bauen im Bestand wie ein Puzzle, wobei Alt und Neu mit einem typisch belgischen Selbstverständnis sehr harmonisch zusammenfinden. Die ehemalige Militärschule (gebaut in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und bekannt unter dem Namen Pupillenschool) ließen die Architekten entsprechend sanieren und denken die historischen orangefarbenen Aalst-Backsteinfassaden außen wie innen mit einem neuen hellroten Mauerwerk und hellgrauen Sichtbeton weiter. Letzterer wiederholt in Form der markanten Geschossdecken den hellgrauen Sockel des Bestands. Auf diese Weise entsteht eine unaufdringliche Architektur, die dem Inhalt eine passende Form gibt.

Flankiert wird die Bibliothek von der Akademie der darstellenden Künste, die einen Ballettraum, Probenstudios, ein Auditorium und Unterrichtsräume umfasst. Damit man in Utopia in Ruhe und Stille lesen kann, arbeiten Kaan Architecten mit Schallschutzwänden und akustisch verstärkten Holztüren. Die Tische in den Meetingrooms und die Regale für die Bücher kommen vom belgischen Studio Buroproject mit Sitz in Aalst. Die Sitzmöbel in den Lounge-Bereichen sind unaufgeregt, aber bequem: Die Serie 50 hat der spanische Produktdesigner Antonio Rodriguez 2012 für den italienischen Hersteller La Cividina entworfen.

Licht und Beton: Blick in die Unterrichtsräume in der Akademie

Doch noch mal zurück zu Thomas Morus: Das literarische Werk des englischen Humanisten wurde nämlich vor 501 Jahren zum ersten Mal von dem Verleger Dirk Martens in Leuven/ Aalst publiziert. Dass diese Geschichte, die der Stadt bis heute viel bedeutet, nun ein Gebäude bekommen hat, in dem scheinbar die bis zu elf Meter hohen Bücherregale die Konstruktion tragen, gefällt nicht nur den Bürgern von Aalst, sondern versteht sich auch als eine Hochachtung vor Morus, Martens und natürlich den Utopiern, die uns schon damals entscheidende Schritte voraus waren.

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