Vom Ohrensessel ins Baumhaus

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Text: Cordula Vielhauer
Foto: Shannon McGrath


Spielecke? Baumhaus? Garten? Was sich nach dem Angebot eines Kindergartens anhört, entpuppt sich als speziell entwickelte Kooperations-Typologien eines fortschrittlich orientierten Finanzdienstleisters auf der anderen Seite des Globus: Das Headquarter für die Macquarie Group, eine australische Bank, erinnert eher an einen Erlebnispark als an einen nüchternen Bürobau. Trotzdem wird hier intensiver und effizienter gearbeitet als in manch klassischem Verwaltungsbau. Zudem ist es ein Beispiel für die Umsetzung aktueller Erkenntnisse über nachhaltiges Arbeiten und Bauen.



One Shelley Street in der australischen Metropole Sydney ist mehr als eine Adresse und mehr als ein Bürogebäude: One Shelley Street ist ein Raum gewordenes Konglomerat aus den Erkenntnissen moderner Arbeitsplatzgestaltung des letzten Jahrzehnts. Hier findet man weder Zelle noch Großraumbüro, dafür eine Vielzahl unterschiedlich gestalteter Angebote und Möglichkeiten, zu arbeiten und sich auszutauschen. Das Erscheinungsbild des Headquarters der Macquarie Group ist der intensiven Zusammenarbeit dreier Planer zu verdanken: der Architekten Fitzpatrick & Partners (Sydney), die für den Hochbau verantwortlich zeichneten, der Arbeitsprozess-Planer Veldhoen & Co. (Maastricht/Sydney) und der Innenarchitekten Clive Wilkinson Architects (West Hollywood).

Die Macquarie Group ist eine international agierende Bank und Anbieter von Finanzdienstleistungen mit Hauptsitz in Sydney und Dependancen weltweit: Die Zentrale für den europäischen Raum beispielsweise befindet sich in London. Für das neue Headquarter in der Heimat sollte ein Gebäude mit räumlichen Lösungen gefunden werden, die einen hohen Grad an Flexibilität und Kommunikativität ermöglichen. Activity-Based-Working (ABW) nennt sich die von der niederländischen Beratungsfirma Veldhoen & Co. entwickelte Arbeits- und Organisationsform, die Pate stand für One Shelley Street. Für die Bedürfnisse von Macquarie mit seinen rund 3.000 Mitarbeitern in Sydney wurde eigens ein maßgeschneidertes Konzept entwickelt, das zuvor in einem Pilotprojekt getestet wurde. Dabei war die Erprobung spezifischer Anforderungen und Erkenntnisse für den Arbeitsprozess an Hand speziell ausgewählter Möbel Teil des Konzepts.

Pilotphase mit Ohrensesseln


Activity-Based-Working verfolgt vor allem ein Ziel: Die Umstellung von festen (um nicht zu sagen festgefahrenen) Arbeitsweisen und Technologien hin zu mobilen. Dies umfasst sowohl räumliche als auch technische Bereiche: Die Nutzung von Laptops, Mobiltelefonen, kabellosen Präsentationsgeräten und so genanntem Follow-me-Printing (Ausdruck an einem beliebigen Drucker nach Identifizierung) bildet dabei die technische Seite. Die Bereitstellung vielfältiger Arbeitsplätze, Kommunikationsinseln und Besprechungsräume verweist auf die räumlichen Gegebenheiten. Wobei die Option der Heimarbeit, mittlerweile häufig praktiziert, bei Macquarie jedoch nicht Teil des Konzepts war. In der Pilotphase des Projekts wurde für 90 Mitarbeiter ein Probeszenario aufgebaut, in dem als wichtigste Möbel die „Ear-Chairs“ des niederländischen Designers Jurgen Bey (prooff/sv) zum Einsatz kamen, die ein abgeschirmtes Arbeiten oder Kommunizieren in Lounge-artiger Atmosphäre erlauben, ebenso wie die später eingesetzten Alcove Highbacks nach dem Design von Ronan und Erwan Bouroullec (Vitra).

Interaktion auf der Themenplaza


Im Anschluss entwickelten Veldhoen & Co. ein differenziertes Raumkonzept, das speziell auf die Gegebenheiten des neuen Headquarters abgestimmt wurde. Dafür stellten sie einen Plan (Zoning Plan) auf, der für jedes Geschoss fünf Arbeitsbereiche vorsieht. Zwei dieser Bereiche sollen dem individuellen Arbeiten gewidmet sein mit der Möglichkeit, sich spontan auszutauschen. Zwei weitere Bereiche dienen der intensiven Zusammenarbeit, während der fünfte, die so genannte Plaza, als „neutrales Territorium“ keiner spezifischen Funktion und keiner bestimmten Abteilung zugeordnet ist. Dafür erhalten die insgesamt sieben über das gesamte Gebäude verteilten Plazas unterschiedliche gestalterische Themen – sie sollen zum Austausch zwischen den einzelnen Abteilungen und zur Interdisziplinarität anregen.


Besprechungs-Gondeln und Treff-Baum


Das von Fitzpatrick & Partners entworfene Gebäude ist geprägt durch eine außen tragende Konstruktion sich kreuzender Stahlträger, die im Inneren große Stützen-Spannweiten erlaubt und so maximale Flexibilität ermöglicht. Das von Veldhoen vorgeschlagene Raumkonzept konnte daher von Clive Wilkinson (CWa) fast kompromisslos – und durchaus eigenwillig – umgesetzt werden. CWa installierten in dem zehngeschossigen Atrium des Bürohauses 26 sogenannte „Besprechungs-Gondeln“ (Meeting Pods), die an einem schlanken Stützentragwerk aufgehängt sind und wie dreidimensionale Rahmen in den Raum hineinragen. Die unterschiedlich großen „Gondeln“ bieten Platz für Gespräche in kleinerer oder größerer Runde. Daran schließen sich die individuellen Arbeitsbereiche an, die über lange, teils versetzt angeordnete Treppenläufe mit großen Zwischenpodesten erschlossen werden, die sich zusammen zum sogenannten Meeting Tree vereinen.

Spielecke, Garten und Baumhaus

Die Eingangsebene des Hauses ist den gemeinschaftlichen Nutzungen gewidmet: Hier befinden sich ein Café für die Mitarbeiter, ein Restaurant und Platz für Veranstaltungen. Dabei gibt der mit langen, robusten Holzplanken gedeckte Boden dem großen Raum eine ungewöhnlich wohnliche Atmosphäre, die von weichen Loungemöbeln in knalligen Farben unterstützt wird. Das Gebäude verträgt das gut, da Tragwerk und Wände ansonsten in Weiß gehalten sind und Farbe nur punktuell eingesetzt wird. Die sieben als „Plazas“ definierten Bereiche sind individuell nach verschiedenen Modellen der Kooperation und Zusammenkunft gestaltet: So gibt es eine „Spielecke" (Play Room), einen „Garten“, ein „Baumhaus“ und ein „Kaffeehaus“. Der große Konferenzraum wird zum „Dining Room“ erklärt, hochlehnige Stühle verleihen ihm eine festlichere Atmosphäre; in der „Bibliothek“ kann man sich zurückziehen und recherchieren. Auch wenn so viele hübsche und bequeme „Zimmer“ entstehen, wirken einige von ihnen etwas „überdesignt“ (wie die mit Fototapete beklebte „Bibliothek“ oder das „Baumhaus“ mit seiner überdimensionierten Schichtholz-Konstruktion).

Nachhaltigkeit und Nutzen

Dennoch ist der Nutzen für Unternehmen und Mitarbeiter in Zahlen messbar: Die eingesetzten Technologien haben zu einer Einsparung von 60 Prozent des vorher ausgedruckten Papiervolumens sowie der Speichervolumen geführt, die offene Treppenlandschaft reduziert den Einsatz der Fahrstühle um die Hälfte. Dank Kühlung durch das Hafenwasser, gekühlte Konstruktionsteile und gezielte Beleuchtung wird in dem Gebäude nur noch halb so viel Energie verbraucht wie vorher. 90 Prozent der Mitarbeiter haben kein Heimweh nach ihrem alten Büro und dessen Bedingungen, ein Drittel wechselt mehrmals täglich den Arbeitsplatz, die restlichen zwei Drittel täglich. Die Mehrheit fühlt sich durch die Umgebung bei der Lösung komplexer Probleme sowie in Bezug auf Selbständigkeit und Kreativität unterstützt, zudem würden spontaner Austausch und die Kommunikation unter den Abteilungen gefördert. Ein Detail hätte man sich bei so viel Mitarbeiterausrichtung allerdings noch gewünscht: Ein echter Betriebskindergarten würde dem fortschrittlichen Unternehmen auch noch gut stehen.
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