Vom Ort zum Örtchen

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Text: Tanja Pabelick

Golf ist nicht nur Sport, sondern Sport in der Landschaft. Zwischen Abschlag und Einlochen liegen Hügel, Wasserlöcher und Sandflächen, die jede Anlage zu einer individuellen Herausforderung machen. Der oberpfälzische Golfplatz Lauterhofen liegt mitten in der Juralandschaft besonders idyllisch – und hat die am Kurs liegenden Toilettenhäuschen auf einzigartige Weise in die Natur eingepasst. 

Plastikhäuschen a la Dixie und ToiToi wären die schnelle Lösung gewesen und auch der übliche Klassiker für Hygienelösungen im Grün. Für den Golfclub Lauterhofen stand dies nie zur Debatte. Hier hat man sich der sensiblen Intergration von Bauten in die Umgebung und der Natur- und Landschaftspflege verpflichtet. Heidschnucken grasen neben den Bahnen, Insektenhotels sorgen mit ihren Bewohnern für Biodiversität, und Flora und Fauna werden so dokumentiert, dass der Spieler auch etwas über die inneren Werte des Grüns lernen kann. Die besondere Affinität zur Architektur hat auch personelle Gründe. Platz- und Gebäudewart ist Johannes Berschneider, Inhaber des Architekturbüros Berschneider+Berschneider in Pilsach. Seit 2009 findet unter seiner Schirmherrschaft auf dem Platz jährlich der Bayerische Architekten Golf-Cup statt – und aus Berschneiders Feder stammen auch die drei Toiletten und ein Rasthaus entlang der Strecke.

Architektur aus eigenem Anbau
Jede der Miniatur-Architekturen hat ein Material zum Thema und jeder eingesetzte Werkstoff einen lokalen Bezug. Verwendet wurde etwa Naturstein aus der umgebenden Jura-Landschaft, Stampfbeton in traditioneller Bauweise oder auch Holz und Stroh direkt vom Gelände. Die Wände der Schutzhütte, die als Unterstand und Treffpunkt dient, sind aus Strohballen aufgebaut. Das Heu stammt von den Feldern des Clubs und wurde vor dem Einsatz ein Jahr gelagert, die Balken des Dachstuhls kommen aus dem angrenzenden Wald. Nach traditioneller Bauweise wurde auf Blechteile verzichtet, die Hütte wurde vom Holzboden bis zum First von den Mitgliedern des Clubs in Handarbeit unter Anleitung des Architekten errichtet. Mit ihren natürlichen Baustoffen und der einfachen Konstruktion ist die Hütte nicht nur günstig, die Stroh-Dämmung sorgt ganzjährig für ein angenehmes Klima und eine ursprüngliche, gemütliche Atmosphäre. 

Super-lokal
Die Toiletten sind aus Beton, Stahl und Holz und ebenso wie die Strohhütte unter Mithilfe der Golfer erbaut worden. Die brachten sogar ihre Schläger als Werkzeug ein, das Häuschen aus Stampfbeton wurde von zwölf Mitgliedern mit Drivern gestampft. Fünf Arbeitsgänge und damit fünf verdichtete, unbewehrte Schichten waren nötig, bis der Quader errichtet war. Die Lagen der mühevollen Handarbeit zeigen sich auf der Fassade, die nur von einem einzigen, bodentiefen und voll verspiegelten Fenster durchbrochen wird. Das Glas spielt mit der Intimsphäre der Besucher. Während außen die Landschaft reflektiert wird, hat man von innen den ungehinderten Ausblick auf das Panorama. Auch im Detail gibt es Bezüge zum Standort. Auf dem Boden liegt ein Kalkboden, der aus Brocken gefertigt wurde, die die Handwerker beim Aushub gefunden haben. Ein Baum, der für den Bau gefällt werden musste, lieferte das Holz für die Eingangstür.

Handwaschmischer
Weniger auffällig als der graue und glänzende, modernistische Betonkubus ist das zweite Häuschen neben den Bahnen. Es ist aus alten Stahlplatten gefertigt, die Johannes Berschneider auf dem nahe gelegenen Gelände der Bärnreuther Steinbrüche gefunden hat. Als Rohstoff, der seine Geschichte schon mitbringt, wurden die Platten zur Basis des Baus. Mit dem Schweißbrenner wurden Türen und Oberlichter herausgeschnitten, die Platten verformt und gefügt. Die kreisrunden Dachluken sind aus Rohrabschnitten gefertigt und prägen die Atmosphäre des Raumes. Zusammen mit dem verwitterten Corten-Stahl erinnern sie an ein Schiffswrack. Ready Made-Details, wie ein an die Wand montierter Auto-Rückspiegel, riesige Hebel und der feuerrote Betonmischer, der als Waschbecken dient, komplettieren die sanitäre Ausstattung.

Keine Katalog-Garage
Das dritte Häuschen ist ein Import. Die Box wurde in einer Schreinerei gefertigt und dann als Ganzes auf die vorbereitete Bodenplatte gestellt. Erst dann wurde die Verkleidung des Korpus installiert, die aus bei einer Entbuschung angefallenen Ästen geschichtet wurde. Entfernt erinnert die Anlage damit an ein Insektenhotel und tarnt sich als übergroßer Holzstapel. Dem Fenster wurde ein sich aufweitender Rahmen vorgesetzt, auch hier verhindert spiegelndes Glas den Einblick. Die glatten Holzwände des Innenraumes wurden in Schwedenrot lasiert. Gerade mit dieser Lösung, die durch ihre Konstruktion den sonst auf Golfanlagen platzierten Fertiggaragen am nächsten steht, zeigt Johannes Berschneider, dass Alternativen möglich sind. Bei allen vier Häuschen hat er Lösungen entwickelt, die nicht teurer sind als der Standard aus dem Katalog. Weil die eigene Arbeitskraft und lokale Materialien als Ressource eingesetzt wurden, konnten kleine Architekturen realisiert werden, die mit Individualität allen Komfort bieten und sich in die Landschaft integrieren.

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