Von Bar bis Business

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Text: Cordula Vielhauer


Die frühere Ostseehalle in Kiel hat eine buchstäblich bewegte Geschichte hinter sich: Ihre Ursprungskonstruktion stand auf Sylt und zwar in Form von zwei Flugzeughangars, die der Architekt Wilhelm Neveling wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg nach Kiel brachte und umbaute. 1951 wurde sie pünktlich zur Kieler Woche eröffnet, seit 2008 und diversen Umbaumaßnahmen heißt sie jetzt Sparkassenarena. Im Frühjahr 2009 wurde der Veranstaltungshalle ein weiterer Bauteil hinzugefügt: eine Businesslounge nach Plänen von Schnittger Architekten + Partner aus Kiel. Jenseits von Massenveranstaltungen wie Boxwettkämpfen und „Wetten dass …“-Sendungen finden hier seitdem auch Spezialisten-Zusammenkünfte und professionelle Meetings einen adäquaten Rahmen.

Um das wichtigste Merkmal der Business-Lounge an der Kieler Sparkassenarena zu beschreiben, versuchen wir es zunächst mit einem kleinen Rätsel: Es (das Merkmal) liegt außen, zu sehen ist es aber nur von innen. Na? Genau, es geht uns um den Ausblick. Dieser wird üppig inszeniert: Der leicht geschwungene Baukörper der Lounge ist an seinen beiden Querseiten offen beziehungsweise großzügig verglast. Von hier aus hat man einen weiten Blick auf die Umgebung und den nahe gelegenen Ziegelteich. Die Erdgeschossebene ist als transparenter Sockel ausgebildet, über dem der mit dunklen Metallplatten verkleidete Hauptbaukörper zu schweben scheint. In die Businesslounge gelangt man einerseits über das luftige, lediglich mit einer Glashaut versehene Foyer oder auch direkt vom ersten Obergeschoss der Arena aus.

Platz für kleine Fluchten
 
Die untere Ebene dient dabei nicht nur dem ansprechenden Empfang der Konferenzteilnehmer, sondern beherbergt gleichzeitig auch sämtliche Servicebereiche wie Garderoben und WCs. Zudem besteht die Möglichkeit, hier einzelne Büros oder auch gastronomische Einrichtungen unterzubringen. Der lokale Handballverein und Rekordmeister THW Kiel profitiert bereits von diesem Angebot und hat hier seine Geschäftsräume, – für ihn ist selbstverständlich auch die räumliche Nähe zur Heimarena optimal. Ein dunkler, großformatiger Fliesenboden korrespondiert im Erdgeschoss farblich mit der Außenhaut der Lounge. Der Clubsessel Alterno von Züco lädt zum informellen Gespräch oder zur kleinen Arbeitspause abseits des Kongresstrubels ein. Dem Alterno sieht man seine Multifunktionalität zunächst nicht an, doch lässt er sich mit nur einer Körperdrehung vom entspannten Dreh- und Wartesessel zum Arbeitsplatz umfunktionieren: Die offene Armlehne kann als Arbeitsfläche oder Unterlage für den Laptop genutzt werden; und dank Auto-Return-Funktion federt der Seesel beim Aufstehen wieder in die Ausgangsposition zurück.

Weite unter Deck
 
Das Obergeschoss mit den Haupträumen der Lounge ist mit „warmen“ und weicheren Materialien ausgestattet: Ein Fußboden aus geräuchertem Eichenparkett verleiht dem langgestreckten Raum eine wohnliche Atmosphäre; die geschwungenen Außenwände, die sich leicht nach außen neigen, erinnern mit ihren schmalen Fensterbändern an das Innere eines Schiffsrumpfs. Auf Seemannsromantik wird jedoch verzichtet, vielmehr strahlt der Raum eine lockere Eleganz aus, die Stimmungen zwischen Luxusyacht und großzügiger Hotellobby zulässt.
 
Von Bar bis Business
 
Die Atmosphäre des Raums kann je nach Wunsch neu inszeniert werden: Dank der Kombination aus hellem Weiß und dunklem Naturholz finden hier sowohl Kongresse mit bis zu 350 Teilnehmern als auch kleinere Business-Meetings einen angemessenen Rahmen. Durch einzelne farbige Akzente wie beispielsweise eine orangerote Rückwand hinter dem Tresen oder gedimmte Lichstimmungen sind auch gastronomische Events in wärmerer Atmosphäre möglich. Der Konferenzstuhl Fiato von Züco, den die Architekten für die Bestuhlung wählten, passt sich mit seinem hellen Textilpolster, dem robusten verchromten Gestell und der Lehne aus Nussbaumfurnier all diesen unterschiedlichen Inszenierungen an.
 
Die komplett stützenfrei gehaltene Businesslounge lässt auch räumlich unterschiedliche Aufteilungen und Tischkonfigurationen zu. Ergänzt wird die Architektur durch ein gezielt gesetztes Netz an Auslässen für die Stromversorgung und Anschlussmöglichkeiten für mobile Bartresen. In die Decke eingebaute Beamer und in die Seitenwände integrierte Flachbildschirme sorgen für die technische und mediale Unterstützung der Veranstaltungen. Und den weiten Blick aus dem Panoramafenster, den gibt’s noch dazu.
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Haeberli