Vulkan im Fenster: Einfamilienhaus in Chile

28
Text: Tim Berge, Foto: Felipe  Fontecilla und Javier  Ampuero

In dieser Geschichte gibt es zwei Hauptdarsteller: ein Haus und einen Vulkan. Beide ragen aus der Landschaft hervor und beeindrucken durch ihre Symbiose aus Form, Materialität und Charisma. Wobei die Aura des Vulkans neben seiner Größe vor allem durch das von ihm ausgehende Gefahrenpotenzial geprägt ist – der letzte Ausbruch liegt gerade einmal drei Jahre zurück.

Die Region Araukanien ist aufgrund ihrer bergig-grünen Landschaft und des milden Klimas auch als Chilenische Schweiz bekannt. Berge, Seen und Wälder schmieden eine beeindruckend grüne Allianz. In dieses natürliche Umfeld hinein und in unmittelbarer Nachbarschaft zum aktiven Vulkan Villarrica hat das Architekturbüro Ampuero Yutronic, das Dependancen in London wie auch in der chilenischen Hauptstadt Santiago unterhält, ein 230 Quadratmeter großes Einfamilienhaus geplant, das sich selbstbewusst in seinen Kontext einfügt. 

Optische Täuschung 
Die Casa Hualle bietet Passanten eine Vielzahl unterschiedlicher Ansichten – und den Bewohnern eine nicht minder große Auswahl an Aussichten. Beides war das Ziel der Planer, die das Haus auf einer leichten Anhebung des großen Grundstücks platzierten. Von Südwesten aus erscheint der lang gestreckte Gebäudekörper flach, stämmig und modern – von Nordosten wirkt er durch die Andeutung eines Giebeldachs schlank und ähnelt den Bauernhäusern der Gegend. Hinter dieser optischen Täuschung steckt eine simple, aber effektive Faltung des Daches. Es setzt sich aus vier spitzwinklig-dreieckigen Flächen zusammen, die sich versetzt gegeneinander auftürmen.

Imposanter Ausblick

Definierte Ausblicke 
Die Wandlungsfähigkeit des Gebäudes ist umso beeindruckender, da seine Fassade aus nur einem Material besteht: dunkel gebeiztem Nadelholz. Die in einer vertikalen Anordnung angebrachten Latten erinnern aufgrund ihrer Farbe an das schwarze Vulkangestein der Region, das sich in vielen Häusern wiederfindet. Die hölzerne Materialität ist eine weitere Anlehnung an die Architektur lokaler Farmen und Wohnhäuser. 

Seine Lebendigkeit erhält der Bau durch die Fenster- und Türöffnungen, die in unterschiedlichen Größen und Proportionen die Fassade durchdringen. Die Positionen der Einschnitte haben die Architekten nicht zufällig gewählt, sondern exakt nach Ausblicken auf die Außenwelt definiert. Wie Gemälde umrahmen die Fenster Teilabschnitte der umgebenden Landschaft, die somit zum eigentlichen Hauptdarsteller des Projekts wird.  

Pläne
13

Sinusförmige Faltung
Das Innere der Casa Hualle  offenbart ein anderes, weitaus lichteres Antlitz. Die Wände sind aus hell gebeiztem Sperrholz, die Decken sind weiß gestrichen und die Böden aus Estrich. Der Grundriss unterstützt das Gefühl von Klarheit und Offenheit: Die Schlafzimmer und eine Galerie im Obergeschoss gruppieren sich um einen doppelgeschossigen Wohnraum, der die Lage des Hauses in direkter Linie zwischen dem nahegelegenen Lago Villarrica und dem gleichnamigen Vulkan, über großformatige Fenster inszeniert. Doch mit der Dramatik ist es damit noch nicht getan: Das Innere wird überquert von der sinusförmigen Faltung des Dachs. Der imponierende Abschluss eines Gebäudes, dass das Spannungsverhältnis seines natürlichen Kontexts perfekt in seiner Architektur widerklingen lässt.

Weitere Artikel 13 - 25 von 50 Boxenberg in Japan Fliegendes Dach: Wohnen im brasilianischen Regenwald Traumhaus in Scheiben: Neubau auf Skiathos Das Haus als Dorf: Turmhäuser in Südtirol Gestreift in Graubünden: Fassade von Daniel Buren Nordisch auf Eck: Einfamilienhaus <br />
bei Hamburg Borgo auf Beton: Wohnhaussiedlung in Urbino Speicher voll: Umbau in Kopenhagen Modern im Schloss Ein Schlagzeuger sieht rot: <br />
Wohnhaus in Schweden Oase der Ordnung: Architekten mögen's minimal Treppenskulptur vor Traumkulisse: <br />
Ferienhaus in Mexiko

Alle Neuheiten der interessantesten Hersteller und Designer auf einen Blick.