Weiße Schule, ganz grün

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Text: Jasmin Jouhar
Foto: Adria Goula


Es klingt wie ein Wagnis, oder vielleicht sogar wie Leichtsinn. Die Architekten vom Pariser Büro Ateliers Lion haben in Damaskus eine französische Schule gebaut und dabei bewusst auf mechanische Kühlsysteme verzichtet. Dabei liegt die syrische Hauptstadt im Mittleren Orient, in einer Gegend, wo in den Sommermonaten das Thermometer regelmäßig die 40-Grad-Marke erreicht und praktisch kein Regen fällt. Doch die Schüler müssen nicht unnötig schwitzen, denn Ateliers Lion konzipierte einen Gebäudekomplex, der auf intelligente Weise mit Sonneneinstrahlung, Mikroklima und Luftströmungen umgeht – und sich funktional und ästhetisch an regionale Architekturtraditionen anlehnt. Damit ist das „Lycée Charles de Gaulle“ ein Gegenentwurf zu den technisch hochgerüsteten Glas-Stahl-Gebilden, die häufig unter dem Stichwort Nachhaltigkeit firmieren.



Die Klassenräume der französischen Schule im Stadtteil Mezzé sind nicht in einem zentralen Bau untergebracht, sondern verteilen sich auf zweigeschossige Pavillons, die sich zu einem weitläufigen Campus gruppieren. Wie entlang einer Straße oder um einen Platz herum sind die Pavillons und Verwaltungsgebäude an einer zentrale Nord-Süd-Achse angeordnet, die sich zu den umliegenden Quartieren öffnet. Zwischen den Bauten liegen begrünte, mit Sonnensegeln geschützte Patios und überdachte Verbindungsgänge. Alle Gebäude sind relativ kleine, weiße und kubische Baukörper, so dass der Komplex an mediterrane Stadtarchitektur erinnert, etwa an Tel Aviv, Tunis oder Casablanca. Schon Le Corbusier zeigte sich Anfang des vergangenen Jahrhunderts nach seine berühmten Orientreise beeindruckt von den hellen, schlichten Häusern im strahlenden Sonnenlicht.

Bäume machen gutes Klima

Doch die Gestaltung hat auch ganz praktische Gründe: Um auf künstliche Klimatisierung der Räume verzichten zu können, setzten Ateliers Lion auf bereits erprobte regionale Bauweisen und planten den Komplex in Zusammenarbeit mit der Klimatechnologie-Firma Transsolar so, dass er sich möglichst wenig aufheizt. Alle Bauten orientieren sich mit den Fensteröffnungen nach innen, also zu den bewusst eng gehaltenen Patios. Nach außen hingegen gibt es nur wenige und zudem kleine Fenster. In den Patios wachsen ortstypische Pflanzen und Bäume. Dank der Sonnensegel entsteht so ein vergleichsweise kühles und feuchtes Mikroklima, das das der Innenräume positiv beeinflusst. Bereits auf dem Grundstück vorhandene Bäume wurden erhalten, soweit es die Planungen zuließen. Die Gebäude haben zudem dicke, zweischalige Mauern mit einer Luftschicht dazwischen. Sie können die nächtliche Kühle speichern, um sie tagsüber abzugeben. Auch die Dächer sind mehrschichtig aufgebaut und belüftet, um einen Hitzestau zu vermeiden.

Heiße Kamine zur Abkühlung

Doch damit die Kühlung der Räume tatsächlich funktioniert, muss die Luft in Bewegung bleiben: So sollte frische Luft aus den Patios in die Gebäude strömen und verbrauchte Luft abziehen können. Diese Zirkulation erzeugten die Architekten, indem sie sich eines Naturphänomens bedienten: Wird Luft erwärmt, dehnt sich ihr Volumen aus, und sie steigt auf. Deshalb befinden sich auf den Dächern der Schulgebäude sogenannte „Sonnenkamine“, markante Schlote, in denen sich die Luft durch die Sonneneinstrahlung erwärmt und dann nach oben abzieht. Dadurch wird ganz automatisch verbrauchte Luft aus den Innenräumen in die Kamine und frische aus den Patios in die Räume gesaugt: Dank des „Kamineffekts“ entsteht ein Kreislauf, der ganz ohne zusätzliche Energie die Schule belüftet und kühlt. Zudem sind die Kamine ein markantes gestalterisches Element – hintereinander aufgereiht rhythmisieren sie die Silhouette des Lycée.

Schont Ressourcen und das Budget

An den Außenseiten der Kamine befinden sich zusätzlich Sonnenkollektoren, in denen warmes Wasser für die Schule erzeugt wird. Es gibt auch eine Zisterne, um Regenwasser zu sammeln und damit den Sportplatz bewässern zu können. Die Fenster sind so bemessen und ausgerichtet, dass möglichst viel Tageslicht in die Räume fallen kann – ohne sie aufzuheizen –, um so zusätzlich Energie zu sparen. All diese bereits in der Planung des Gebäudes entwickelten Sparmaßnahmen schonen nicht nur die Ressourcen, sondern senken auch die Kosten für den Betrieb des Lycée Charles de Gaulle.

Die große Verschwenderin

Darin liegt wohl auch die Chance für die Zukunft nachhaltigen Bauens generell: Die Einsicht, dass „Grüne Gebäude“ langfristig günstiger sind als herkömmliche Architektur, wird ressourcenschonende Architektur populärer machen als bisher. Denn wer beim Thema verschwenderischer Umgang mit Ressourcen ausschließlich ans Auto fahren denkt oder an die Millionen von Elektrogeräten, die permanent auf stand by stehen, der denkt nicht weit genug. Unsere gebaute Umwelt ist sowohl in ihrer Entstehung als auch im Betrieb eine ganz große Verschwenderin: In Deutschland geht etwa ein Drittel des gesamten Ressourcenverbrauchs auf das Konto von Gebäuden. Ähnlich sieht es aus, wenn es um die Emission von CO2 oder anfallenden Abfall geht. Dass nachhaltige Konzepte aber nicht zu Lasten der ästhetischen Qualität der Architektur gehen müssen, dafür steht die weiße Schulstadt in Damaskus beispielhaft.


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