Wellblech mit Schwung: King Bills Kurven

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Text: Tim Berge, Foto: Derek Swalwell

Fitzroy ist ein besonderer Stadtteil von Melbourne: Seine Architektur erzählt die Geschichte des wirtschaftlichen Aufschwungs, vom kleinbürgerlichen Wohnviertel hin zum kulturellen Zentrum. Die über die letzten Jahrzehnte hinzugewonnene urbane Vielfalt wird von seinen Einwohnern gepflegt und geschützt. Ein Beispiel dafür ist der Um- und Anbau eines historischen Wohnhauses, der, anstelle ein Maximum an Quadratmetern zu generieren, lieber die Nachbarschaft mit einem Minipark beschenkt.
 
Es sollte ein Liebesbrief an das Viertel werden. Die Bauherren, eine vierköpfige Familie, wünschten sich von dem australischen Architekturbüro Austin Maynard nicht nur die Renovierung und Erweiterung ihres zweistöckigen Altbaus, der mehr Wohnraum für die heranwachsenden Kinder schaffen sollte. Sie wollten einen Teil des Grundstücks der Öffentlichkeit zugänglich machen und einen Garten für die Nachbarschaft abzwacken. Bei den Quadratmeterpreisen in Fitzroy keine Selbstverständlichkeit.

Ohne jede Scham
Die Straßenfassade des Altbaus ließen Austin Maynard unberührt – in Anerkennung des kulturellen Erbes und der architektonischen Vielfalt des Stadtteils. Auch der Anbau bemüht sich um Respekt, ohne dabei seine eigene Identität in den Hintergrund zu stellen. Umgeben vom alten Garten, steht der Glaspavillon mit seiner Wellblechkrone und den abgerundeten Ecken im starken Kontrast zu den rötlichen Ziegelwänden der umliegenden Stadthäuser. Der Baukörper ist durch einen gläsernen Korridor vom Bestand, dem Wohnhaus aus dem Jahr 1850 und einem früheren Stallgebäude, separiert und springt von der Straßenkante zurück, sodass sich am Grundstückseingang ein kleiner Vorplatz ergibt.
 
Der eingeschossige Anbau ist der Eingang und das neue Zentrum des dreiteiligen Ensembles und offenbart – ohne jede Scham – sein Inneres durch die gekurvte Glashülle. Der Raum dient der Familie als Küche, Wohn- und Esszimmer und funktioniert wie ein lebendiger Stadtplatz. Von hier aus gelangen die Bewohner über den lichtdurchfluteten Korridor in die beiden Altbauten, deren Inneres die Architekten vollständig neu definierten. Sie betrachteten die Häuser im Vorfeld als leere Räume: So wurden aus dem früheren Eingangsbereich ein Badezimmer und der Stall beherbergt nun einen Autolift sowie das Schlafzimmer der Eltern.

Pläne
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Luftgetrocknet und spielfreudig
Austin Maynard sind bekannt dafür, dass sie ihre Häuser von den Bewohnern erobern lassen und eine Vielzahl atmosphärisch unterschiedlicher räumlicher Situationen kreieren wollen. Auch das glückt den Architekten bei dem King Bill getauften Projekt: Überall finden sich spielerische und liebevoll inszenierte Raummotive. So trennt eine große, gebogene Schiebewand das Bad des elterlichen Schlafzimmers von einem offenen Netz, das sich über den darunter liegenden Arbeitsplatz spannt. Einmal nass vom Duschen, können sich die Eltern durch die einfallende Sonne und in der Luft schwebend trocknen lassen. King Bill ist nicht nur ein Liebesbrief an Fitzroy, sondern auch an das Leben und seine Vielfalt. Fernab jedes Profitgedanken – und mit einer gehörigen Portion architektonischer Spielfreude.

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