Wie ein Gletscher in die Küche kam

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Text: Claudia Simone Hoff
Foto: Bruno Helbling


Wie ein Gletscher in die Wohnung kommt? Nun, in Luzern ist alles möglich und die Verknüpfung von Gletschern mit Architektur naheliegender als in Berlin, befinden sich die schneebedeckten Bergspitzen von Eiger, Mönch und Jungfrau doch in Sichtweite der pittoresken Stadt am Vierwaldstättersee. Dies brachte den in Zürich und Barcelona ansässigen Architekten Gus Wüstemann auf die Idee, ein Loft in der Luzerner Altstadt fast ganz in Weiß zu gestalten und Anleihen am Schnee in all seinen Aggregatszuständen zu nehmen.


Dass Gus Wüstemann ein Faible für Weiß hat, wurde in der Gestaltung seiner eigenen Wohnung in Zürich offenkundig. Ebenso wie die skulpturale Qualität seiner Arbeiten, die an der dort verbauten Küchenzeile exemplarisch exerziert wird. Auf die Spitze getrieben werden die Verwendung der Farbe Weiß und das Skulpturale aber in diesem Luzerner Loft. Der Architekt hatte hier die seltene Gelegenheit seinen Ideen freie Bahn zu lassen, erteilten ihm die Auftraggeber bei der Gestaltung doch eine Carte Blanche. Ein paar Wochen nach Auftragsvergabe und um einige Hunderttausend Schweizer Franken ärmer, konnte das Besitzerehepaar in eine lichtdurchflutete Wohnung einziehen – adieu tristesse mit winzigen Fenstern, schmaler Siege und düsteren Räumen.

Berg und Tal

Die im Dachgeschoss eines historischen Gebäudes in der Löwengasse 13 gelegene Wohnung – inmitten der quirligen Altstadt und nicht weit weg von den Gestaden des Vierwaldstättersees – war ursprünglich nicht mehr als ein langer dunkler Schlauch mit einer schmalen Stiege, über die man hinauf zur Dachterrasse gelangte. Genau diese Dachterrasse mit grandioser Aussicht hat Wüstemann zum Ursprung seiner Planungen gemacht. Bildlich gesehen ist sie der Berg, während die darunter liegende Wohnung das Tal versinnbildlichen soll. Die Aufteilung der Wohnung stellt sich folgendermaßen dar: Ein offen gestalteter großer Raum nimmt die Zonen Leben, Essen und Arbeiten auf. In diesen Raum hinein ragen Boxen – quasi als kleine Räume im großen Raum –, die die Funktionsbereiche Schlafen, Baden und Kochen in sich aufnehmen.

Erst auf den zweiten Blick: eine Küche

Einer dieser Funktionsbereiche ist die Küche, die auf den ersten Blick nicht als Küche auszumachen ist – so könnte man die Gestaltung der Kochstelle auf einen Nenner bringen. Hier wird deutlich: Der Architekt liebt multifunktionale Objekte. Der u-förmige Küchenblock ragt in den Ess- und Wohnraum und versinnbildlicht Wüstemanns Idee von der Küche als kommunikatives Zentrum, die in den Wohnraum integriert werden sollte. Nicht ganz unbedeutend, dass dies auch dem allgemeinen Trend zur Wohnküche folgt. Wüstemann versteht es, die verschiedenen Funktionen der Küche – Kühlschrank, Ofen und Abstellflächen – fast vollständig zu verstecken. Das mag schön aussehen und die unbefleckte Ästhetik des Lofts unterstreichen, ob dies aber auch praktisch für das alltägliche Werkeln ist, sei dahingestellt. Otl Aicher, eifriger Verfechter einer offenen Küche, in der alle zum Kochen unmittelbar notwendigen Utensilien sofort greifbar sein sollten, hätte sicherlich scharf gegen diese Gestaltung protestiert. Aber das nur als Randnotiz.

Die Oberflächen der Küchenschränke und -arbeitsflächen sind aus weißem Corian von Dupont gefertigt, was ihnen eine edle Anmutung verleiht, die sicher ihren Preis hatte. Ganz ungewöhnlich ist, dass mitten durch die Küche hindurch eine Treppe zur Dachterrasse führt. Wie von Wüstemann nicht anders zu erwarten, handelt es sich hierbei aber nicht um eine gewöhnliche, handelsübliche Treppe, sondern um unregelmäßig versetzte Stufen, die gleichzeitig auch als Sitzgelegenheit oder Stellfläche dienen können.

Living in a box

Neben dem Küchenbereich befinden sich zwei intimere Raumzonen, die architektonisch geschlossener gestaltet wurden als der Rest des Apartments: das Bad und ein Bereich, der die Funktionen Schlafen und Wohnen vereint. Auch wird Flexibilität und Bewegung groß geschrieben, wenn beispielsweise die Tür des Schlafzimmers ähnlich aufgebaut ist wie die von Umkleidekabinen: Sie schließt nicht bündig mit dem Fußboden ab, sondern endet einige Zentimeter über dem Boden, so dass man die Füße der Bewohner sehen kann und der Raum sich so zu verlebendigen scheint. Diese Wohnzone wird durch Beistelltische aus Eichenholz, einem Teppich und Kissen aus Schaffell aufgelockert.

Die so in den großen Raum eingeschobenen Boxen stellen metaphorisch gesehen die Berge da, was darin zum Ausdruck kommt, dass sie aus Sperrholzplatten konstruiert sind, deren brauner Farbton Wärme in das frostige Weiß bringt. Der gesamte Fußboden des 200 Quadratmeter großen Lofts besteht aus Polyurethan und erinnert mit seiner weißen glänzenden Fläche an einen See, in den der Gletscher – in diesem Fall die zur Dachterrasse führende Treppe – kaskadenartig herabfällt. „Puroliss“ stammt vom Schweizer Hersteller Walo.

Auch beim Arbeitsbereich der Wohnung, der dem Essbereich gegenüberliegt, wird die manchmal etwas angestrengt wirkende Gestaltung durchgehalten: Die Lampe „Spun Light“ des Designers Sebastian Wrong steht auf einem Schreibtisch aus Fiberglas, vor dem ein Panton-Chair von Vitra zum Sitzen einlädt. Alles in Weiß natürlich! Wer das putzen soll? Darüber macht sich wohl nur die ambitionierte Hausfrau Gedanken.

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