Wild Wohnen mit Zaha Hadid

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Text: Jeanette Kunsmann, Foto: Hufton+Crow

Sie bleibt die Königin der Blobs und Kurven. Gerade wurden wieder zwei kinetische Gebilde aus der Feder von Zaha Hadid fertiggestellt – posthum: eine extravagante James-Bond-Villa bei Moskau und ein Luxuswohnhochhaus in New York, das mit einer Donauwellen-Fassade die Blicke auf sich zieht.

Patrik Schumacher, Mouzhan Majidi, Gianluca Racana, Jim Heverin, Charles Walker. Es hat doch eine gewisse Komik, dass diese fünf Herren als Partner und Direktoren nun die Projekte der bekanntesten Architektin der Welt zu Ende führen und dabei ganz selbstverständlich in den Hintergrund treten. Und manch einer bei so vielen neuen Projekten dabei vielleicht vergessen kann, dass Zaha Hadid am 31. März 2016 verstorben ist. Gerade wurde das erste Einfamilienhaus von Zaha Hadid Architects in Russland fertiggestellt: eine feine Villa mit Schwung, Charme und Aussichtsturm für einen Bauherrn, den die Architektin einen „russischen James Bond" nannte. Und in New York blickt das elfgeschossige Superluxuswohnhochhaus 520 West 28th auf die Gärten der High Line. Einen Swimmingpool haben natürlich beide.

Zaha Hadid (1950–2016), Foto: Brigitte Lacombe

Wohngebäude findet man eher wenige im Hadid-Repertoire – bekannt ist sie mehr für extravagante Museumspektakel in Rom, Wolfsburg oder Baku, ihr (fast) erstes Gebäude steht in Weil am Rhein auf dem Vitra-Campus: eine dekonstruierte Feuerwache aus Sichtbeton. Nun beginnt das Jahr 2018 für Zaha Hadid Architects also gleich mit zwei Wohnarchitekturen für die Reichen und Schönen, von denen der eine Entwurf allerdings zwölf Jahre alt ist. Während sich in der 520 West 28th in Chelsea die stolzen Besitzer der insgesamt 39 Eigentumswohnungen in dem schicken Sky-Light-Sportbecken begegnen, besitzt der private Bauherr Vladislav Doronin 2.650 Quadratmeter Wohnfläche mit Schwimmbad und Fitnessbereich ganz für sich alleine. Gebaut wurde in einem Wald bei Moskau.

Capital Hill Residence
Er wolle morgens aufwachen und in den blauen Himmel blicken, soll der russische Immobilienentwickler und Kunstsammler der damals 56-jährigen Architektin gesagt haben. Dann müssen Sie über den Bäumen bauen, habe diese geantwortet. So heißt es in der Pressemitteilung des Londoner Büros – Legenden schreiben sich schließlich nicht von alleine. Der Dialog erklärt zumindest die formale Entscheidung, einen 22 Meter hohen Aussichtsturm auf den Wohnsockel zu setzen, der an die Innsbrucker Skisprungschanze erinnert. Natürlich gibt es Stützen in den fließenden Ebenen und im Sockel und auch die dreiköpfige Turmauskragung schwebt nicht über dem Wald, sondern wird von einem verglasten Erschließungskern getragen. Die Schwerkraft konnte auch Zaha Hadid nicht aufheben.

520 West 28th, Zaha Hadid Architects, Foto: Hufton+Crow

520 West 28th
Blickt Vladislav Doronin in den blauen Himmel, schauen die Bewohner des 520 West 28th auf die New Yorker High Line. Alle Wohnungen sind als Split-Level organisiert, um auch hier die Vertikale etwas auszuleben. Individuell gefertigte Interieurs und Boffi-Küchen by Zaha lassen keinen Zweifel, dass sich nur sehr, sehr wenige diesen Wohntraum leisten können. On Top gibt es ein eigenes Kino, einen Wellness-Bereich und einen Skulpturengarten, um den Luxus hier noch mehr zu betonen. Im Lift begegnen sich die Nachbarn hier wohl kaum, denn jedes Apartment hat seine private Erschließung. Dass auch dieses Haus sich auf seine Umgebung bezieht, lässt sich bald an der Fassade ablesen. Wie die alten Gleise der Güterbahntrasse werden auch die geschwungenen Metallelemente rund um die Fenster mit der Zeit immer dunkler werden und altern.

Grand Dame der Architektur
Kurz vor ihrem Tod noch mit der RIBA-Goldmedaille ausgezeichnet, wurde Zaha Hadid als erste weibliche Architektin im Jahr 2004 mit dem Pritzker-Preis geehrt – dabei hatte sie zu diesem Zeitpunkt ein vergleichsweise überschaubares Werk. Berühmtheit erlangte sie durch eine unverwechselbare und extravagante Formensprache, die alle Werke vereint. In Mailand wird übrigens am 20. April 2018 eine weitere Hadid-Architektur vorgestellt, zumindest darf die Presse einen ersten Blick in den Generali Tower werfen.

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